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Materialismus, antiker []

Materialismus, antiker

A: al-māddīya al-klāsīkīya al-qadīma. – E: ancient materialism. – F: matérialisme antique. – R: antičnyj materializm. – S: materialismo antiguo. – C: gǔdài wéiwù zhǔyì 古代唯物主义

Wolfgang Fritz Haug

HKWM 9/I, 2018, Spalten 151-177

1902 erschien in der von Franz Mehring herausgegebenen Schriftensammlung Aus dem literarischen Nachlass von Marx, Engels und Ferdinand Lassalle eine erste, vereinfachte und gekürzte Druckfassung der Dissertation des 23-jährigen Karl Marx über die Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie (Jena 1841). Weggelassen waren die Anmerkungen, und die griechischen und lateinischen Zitate waren nur in Übersetzung enthalten. Auf die Studienhefte war ebenfalls verzichtet worden.

Ein Vierteljahrhundert später, 1927, in einer nicht zuletzt durch Weltkrieg, Spaltung der Internationale und die Reihe russischer Revolutionen für die internationale Arbeiterbewegung radikal veränderten Welt, erschien in Moskau, zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution, der erste Halbband der von Dawid Rjasanow geleiteten Marx-Engels-Gesamtausgabe, kurz MEGA. Er enthielt die Erstveröffentlichung der erhaltenen Teile der Dissertation in der Originalfassung, ferner unter dem Titel »Aus den Vorarbeiten zur Geschichte der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie« umfangreiche Auszüge aus den sieben Heften.

Wer Zugang dazu hatte, konnte spätestens von da an wissen, dass die Entstehung und Entwicklung des altgriechischen und römischen Materialismus ein wichtiges Bildungselement des marxschen und später marxistischen praktisch-historischen und damit zugleich dialektischen Materialismus war – angefangen mit dem laut Ernst Bloch »auf solidem, bewusst materialistischem Boden« stehenden »nüchternsten und wichtigsten sogenannten Vorsokratiker: Demokrit« (PH, 986), literarisch und philosophisch gekrönt durch Lukrez’ Lehrgedicht De rerum natura. In dieser Begegnung, zumal mit »Epikur (namentlich diesem)« (Marx an Lassalle, 21.12.1857, 29/547), rehabilitiert der junge Marx diesen als angeblicher Verpfuscher der streng deterministischen Naturlehre Leukipps und Demokrits und wegen seiner Lustbejahung viel Verleumdeten in letztlich eben dem Punkt, um den sich vier Jahre später seine Kritik an Ludwig Feuerbach dreht. Der philosophische Stein des Anstoßes war Epikurs These der endogenen Aktivität der Atome, ihrer stochastischen Selbstbewegung, die den ehernen Mechanismus der Prädetermination unterbrach. »Den aufklärerischen Impetus einer radikalen Absage an die Teleologie durch dieses Argument kann erst Marx wieder im vollen Umfang seiner systematischen Bedeutung erkennen.« (Dorothee Kimmich 1993, 29)

Und vollends bedurfte es einer Zeit, die unterm Eindruck von Albert Einsteins Relativitätstheorie und seiner Formel von der Umwandelbarkeit von Masse in Energie die Fixierung des Materiebegriffs auf die »Klotzmaterie« (Bloch, Mp, 17) bzw. auf den »allgemeinen Rahmen der Festkörpermechanik« gesprengt hatte (Serres 2009, 290; vgl. 1977), gefolgt von der quantenmechanischen Forschung mit ihrer »Physik der Fluktuationen ohne ewige Wiederkehr« (304), um Epikurs durch Lukrez vervollkommnetes spekulatives Genie anzuerkennen. Die Grundstruktur der Welt gilt ihr als »Netzwerk aus körnigen Ereignissen«, »zusammengehalten durch eine Dynamik, die probabilistischer Natur ist« (Rovelli 2016, 8), in den Partikeln erkennt sie »Fluktuationen oder Wirkungen elementarer Feld-Prozesse«, deren »Beziehungen und Bewegungen nie […] mit Gewissheit vorhersagbar« sind (Nail 2018, 1).

Der Begriff ›Materialisten‹ ist freilich eine nicht unproblematische Rückprojektion auf die Antike. Geprägt ist er vom Jahrhundert des modernen bürgerlichen Rationalismus (vgl. Küpper 2017, 10f) und als ›Materialismus‹ von der Aufklärung ausgearbeitet (Walch 1726; vgl. Nieke 1980). Was mit ihr aM genannt wird, ist die Frucht einer anderen, der altgriechischen Aufklärung, für Marx gipfelnd eben in Epikur, den er als den »größten griechischen Aufklärer« rühmt (Differenz, 40/305). Sie entstand als Versuch einer rationalen Erklärung der Natur aus dieser selbst. Ihre Denker wurden φυσιολόγοι genannt, was sich als ›Naturtheoretiker‹ übersetzen lässt. Später werden sie gemeinhin als ›Naturphilosophen‹ geführt, wieder mit einer Rückprojektion der erst von Platon – und zwar gegen die ›sophistischen‹ Aufklärer, zumal die ›Materialisten‹ – installierten Kategorie.

Vor jenen materialistischen »Ersten Philosophen« (Thomson 1955) kommen freilich die den produktiven Stoffwechsel mit der Natur betreibenden Bauern, gefolgt von den im Fernhandel tätigen, mit Geldwert rechnenden Kaufleuten der Hafenstädte und den in der Weltläufigkeit dieser Städte sich bildenden und austauschenden Intellektuellen. Der Fernhandel in der mittelmeerischen Welt brachte den Umgang mit der Realabstraktion monetärer Rechenhaftigkeit. Hinzu kam ein immer reichhaltigerer Fundus an Berichten aus fremden Kulturen. All das reicht jedoch, wie Klaus-Dieter Eichler gezeigt hat, zur Erklärung des neuartigen philosophischen Abstraktionsschubs nicht aus, denn der »Weltmarkt ist keine […] Kultgemeinschaft universellen Ausmaßes« (2006, 35), verlangt also auch nicht die Abstraktion von der je eigenen Kultgemeinschaft. Ein entscheidend darüber hinausgehendes Element spricht aus dem Demokrit zugeschriebenen Satz: »Dem Wissenden steht die ganze Erde offen, denn die ganze Welt ist einer vortrefflichen Seele Vaterland [Ἀνδρί σοφῷ πᾶσα γῆ βατή· ψυχῆς γάρ ἀγαθῆς πάτριος ὁ ξύμπας κόσμος].« (DK 68, B 247) Er nimmt den Kosmopolitismus der von Alexanders Eroberungen hinterlassenen hellenistischen Ökumene vorweg, in der ein Jahrhundert später das Denken Epikurs sich entfalten wird.

So lassen sich zwei unmittelbare Hauptquellen einer zum ›materialistischen‹ Denken tendierenden Naturauffassung in der altgriechischen Welt ausmachen: die mit Hilfe gezähmter Tiere betriebene Landwirtschaft (1.) und die im Kontext der Handelsschifffahrt sich entwickelnde ›inter-politische‹ Intellektualität (2.). Letzterer verdankte der mit der Ausbildung wissenschaftlichen Denkens einhergehende Abstraktionsschub wichtige Impulse (3.). So zumal bei Demokrit, der laut Demetrios (Homonyme) und Antisthenes (Diadochai) »nach Ägypten zu den Priestern gereist [ist], um Geometrie zu lernen, und zu den Chaldäern nach Persien und ans Rote Meer. Auch mit den Gymnosophisten aus Indien soll er verkehrt und Äthiopien besucht haben.« (DL, IX.35)

Die Umarbeitung der atomistischen Lehre in der weltpolitisch tiefgreifend veränderten Situation des alexandrinischen Hellenismus und unter Berücksichtigung ihrer Kritik durch Aristoteles seitens Epikurs ist als Thema der marxschen Dissertation besonders zu berücksichtigen (3.). Was dabei im Blick auf die Bedeutung für die marxistische Materialismus-Auffassung den Brennpunkt bildet, sind in erster Linie die Impulse, die Marx von seinen Studien zum antiken Atomismus empfing (4.); in zweiter Linie sind es die Hauptlinien der Rezeption seiner Dissertation (5.). Daher rangiert insgesamt die Aufmerksamkeit für die marxsche Denkentwicklung vor der Frage, ob er im Lichte neuerer Forschung in jedem Punkt Recht hatte.

Ursprünglich geplant war Marx’ Differenz-Schrift »nur als Vorläufer einer größern Schrift«, die »den Zyklus der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie in ihrem Zusammenhang mit der ganzen griechischen Spekulation darstellen« sollte (40/261). Doch das spezielle Thema riss ihn hin und machte ihn bereit für die politisch-journalistische Praxis seiner in dieser sich weiterbildenden und bald schon aufhebenden Philosophie.

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