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Maulwurf []

Maulwurf

A: ḫuld. – E: mole. – F: taupe. – R: krot. – S: topo. – C: yǎnshǔ 鼹鼠

Alfred Opitz (I.), Frigga Haug (II.)

HKWM 9/I, 2018, Spalten 363-366

I. Die M-Metapher, die durch Shakespeares Hamlet (I.5) die literarische Weltbühne betritt, eignet sich wie kaum eine andere, um das Plötzliche und Unerwartete mit dem Zielstrebigen zusammenzudenken und Bewegung als dialektischen Prozess zu versinnbildlichen. Es ist Hegel, der als erster das Bild vom shakespeareschen M als alles untergrabenden Geist aufgreift, um, wie Ernst Bloch kommentiert, Dialektik als einen »ununterbrochenen Prozess von Durchbrüchen« darzustellen, in dem »jede Gewordenheit über die Klinge [springt]« (Subjekt-Objekt, GA 8, 124). Das Bild bleibt wirkmächtig und lässt v.a. jene nicht mehr los, die an der Veränderung der Verhältnisse arbeiten, allen voran Marx, der es immer wieder aufgreift. An Versuchen, das Bild seines auf revolutionäre Umwälzung zielenden Charakters durch Diffamierung zu berauben, hat es nicht gefehlt. Das vermochte das ihm innewohnende, dem Widerspruch sich verdankende Zwingende nicht zu tangieren.

II. Die Entwicklungsgesetze des Kapitalismus selbst untergraben unaufhörlich den Boden, auf dem sie sich durchsetzen; sie bringen das Proletariat als eigene Kraft zur Welt und arbeiten an der Zersetzung aller alten Formen. Für diese Bewegung wählt Rosa Luxemburg die Metapher des M; sie fasst darunter die Dialektik der Geschichte als unaufhörliches Wühlen im Innern der Gesellschaft, die Bewegung, die die feste Oberfläche sprengt. So kann als M einmal der Kapitalismus auftreten, der das erstarrte Russland in Bewegung bringt: »sein Fundament unterwühlt jetzt der junge M – der Kapitalismus, und das gibt eine Garantie für die Niederwerfung des Absolutismus von innen heraus« (GW 1/1, 42). »Und erst in vulkanischen Ausbrüchen der Revolution zeigt sich, wie rasch und gründlich der junge M gearbeitet hat. Wie lustig arbeitet er erst der westeuropäischen bürgerlichen Gesellschaft unter den Füßen!« (GW 1/2, 488) Unterirdische Wühlarbeit und eherne Gesetze sind selbst eine paradoxe Zusammenbindung, wie sie für Luxemburgs Dialektik kennzeichnend ist. Die M-Metapher ist so die Form, in der plötzliche und auch unerwartete Bewegung und zielgerichtete Entwicklung zugleich ausgedrückt werden, so dass ständige Agitation notwendig bleibt und doch keine Berechnung möglich ist, wann eine Revolution ausbricht, ja nicht einmal gesagt werden kann, ob sie es tut. Die Metapher dient für das Nicht-Lineare von Entwicklung, als Code für die Bewegung im Fundament der Gesellschaft. Sie ist bei Luxemburg zugleich Ausdruck der Auffassung, dass es am Ende eben doch ein ›ehernes Gesetz‹, ein »großes historisches Gesetz« gibt, was aber heißen soll, dass die Klassenkämpfe nicht stillzustellen sind, dass sie selbst wie eine Naturkraft wirken, »wie ein Bergwasser, dem man das gewohnte Bett verschüttet hat und das, in die Tiefe gefallen, an unerwarteter Stelle wieder in hellem Strahl an den Tag springt« (Der alte Maulwurf, GW 4, 264).

Anarchismus, antiautoritäre Bewegung, Avantgarde, Befreiung, Bild, Denkform, Destruktivkräfte, Dialektik, dialektisches Bild, ehern, Ende der Geschichte, Entwicklung, Erde, Frankismus, Geistesgeschichte, Geschichte, Geschichtsgesetze, Geschichtsphilosophie, Hegelianismus, Hegel-Kritik, Intellektuelle, Irrationalität des Kapitalismus, Kapitalismus, Klassenkampf, Kontingenz, Luxemburgismus, Marxismus, Metapher, Notwendigkeit, Oberfläche/Tiefe, Phrase, Plebejisches, revolutionärer Attentismus, Revolution, Revolutionstheorie, Spontaneität, Sprache, Sprachspiel, Studentenbewegung, subversiv, Symbol, Umwälzung, vaterlandslose Gesellen, verändern, Widerspruch, Widerstand, Zufall

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m/maulwurf.txt · Zuletzt geändert: 2018/03/20 11:18 von flo     Nach oben
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