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Kinderladen []

Kinderladen

A: [rauḍat al aṭfāl]. – E: [child’s play group]. – F: [écoles maternelles (en autogestion)]. – R: [al’ternativnyj detskij sad]. – S: [albergues infantiles]. – C: [tuoersuo 托儿所]

Helke Sander, Christian Wille

HKWM 7/I, 2008, Spalten 660-677

Der K, aus der zweiten Frauen- und der Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre hervorgehend, wurde in vielen Ländern der kapitalistischen Welt zu einem Laboratorium antiautoritärer Erziehung und Bildung. Bezugspunkte waren neben der psychoanalytischen und sozialistischen Erziehungsdiskussion der 1920er Jahre – um das Moskauer Kinderheim-Experiment von Wera Schmidt (1924), die Schriften von Anton S. Makarenko, Edwin Hoernle, Otto Rühle, Otto Kanitz, Max Adler, Siegfried Bernfeld – die Kibbuzbewegung und die 1924 gegründete »demokratische Schule« im englischen Summerhill. Alexander S. Neills Modell der dort praktizierten »freien Erziehung« und das bei Wilhelm Reich (1936/1966) entliehene Schlüsselkonzept der »Selbststeuerung« wurden später – gegen Neills individuumszentriert-humanistische Intentionen – als Ausgangspunkte einer repressionsfreien Erziehung aufgenommen und konnten zur Chiffre einer kulturellen Wende in der Kindererziehung werden.

»Antiautoritäre Erziehung« war bis 1968 in Deutschland kein Begriff. Als jedoch Neills in Deutschland 1965 zunächst in kleiner Auflage erschienene Arbeit 1969 unter dem neuen Titel Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung in nur einem halben Jahr 325 000-mal verkauft wurde, lag das auch daran, dass eine Gruppe von Frauen die K-Idee als ein Projekt solidarischer Selbsthilfe und zugleich Selbst-Befähigung zum politischen Eingreifen umzusetzen begonnen hatte. Die Bewegung zielte auf eine die Kinder- mit der Frauenfrage und sozialistischer Umwälzung verbindende Perspektive: die K sollen »einen dialektischen prozess ingang setzen«, der mit der Aufhebung der Isolation der Frauen und Kinder beginnt und über die »erarbeitung revolutionärer erziehungsmethoden« zu einem sich vertiefenden »bewusstsein über die situation der frau in der kapitalistischen gesellschaft« führt; der »politisierungseffekt« soll schließlich auf »weniger privilegierte frauen« ausstrahlen und die öffentliche Erziehung verändern (Arbeitspapier des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen; zit.n. Saß 1972).

Der Versuch, mit den K »schon innerhalb der bestehenden Gesellschaft Modelle einer utopischen Gesellschaft zu entwickeln« (Sander 1968/1970), war hart umkämpft: In den Konfliktlinien zwischen »antiautoritären Positionen und sozialistischem Dogmatismus« kam zugleich eine »Geschlechterdifferenz« zum Ausdruck (Berndt o.J.), die in der in der Linken dominanten Position, wonach Fragen des Alltags und der Erziehung als ›Nebenwidersprüche‹ einer auf ›revolutionäre‹ Kräfte gerichteten Politik zu behandeln seien, verdrängt war. Die K-Bewegung arbeitete den Slogan ›das Private ist politisch‹ als Kritik der politischen Tabuierung des ›Privatlebens‹ aus und entwickelte ein Modell allgemeiner Erziehungsverantwortung. Der erzieherische Privatbereich familiärer Eltern-Kind-Verhältnisse sollte – den marxschen Hinweis aufnehmend, dass »der Erzieher selbst erzogen werden muss« (ThF 3) – geöffnet, Erziehung einer kollektiven Kritik zugänglich und zugleich bewusst gemacht werden, dass es dabei um »so etwas wie das Bedürfnis eines Kindes« gehe (Seifert 1995), um letztlich den gesellschaftlichen ›Autoritätskreislauf‹ durch den Abbau »feindseliger Beziehungen zwischen den Generationen« (Berndt o.J.) zu durchbrechen. Zur Erneuerung der Politikform trug die Bewegung dadurch bei, dass sie, wie später viele Initiativen im sozialen und ökologischen Bereich, an der Selbstorganisation im Alltag ansetzte, Erziehungsfragen und Geschlechterverhältnisse aber nicht als separate (Frauen-)Politik behandelte, sondern in den Rahmen der Reproduktion der Gesamtverhältnisse stellte – was wiederum eine Politik voraussetzte, in der »die Widersprüche zwischen dem antikapitalistischen und dem antipatriarchalischen Kampf bewusst gemacht und ausgetragen« werden (Flugblatt der Gruppe Dernburgstraße, o.Dat.). Trotz der von rechts inszenierten Missbrauchskampagnen erwies sich das Modell – seit den 1970er Jahren etablierten sich in Europa und den USA eine Vielzahl solcher Einrichtungen – als wegweisendes Experiment auf die Massentauglichkeit einer neuen sozialistischen Politik und einer der wirkungsvollsten realpolitischen Impulse der ›Neuen Linken‹, der nach dem Zerfall der politischen Bewegung in Reformprojekte mündete.

Alltag, antiautoritäre Bewegung, Arbeitsteilung, Autorität, Basisgruppen, Ehe, Erziehung, Familie, Feminismus, Frauenbewegung, Frauenemanzipation, Frauenfrage, Gemeinwesenarbeit, Geschlechterverhältnisse, Grundwiderspruch, Kampagne, K-Gruppen, Kibbuz, Kinder/Kindheit, Kindesmissbrauch, Kommune, Kollektiv, Kulturrevolution, Lebensweise/Lebensbedingungen, Mütter, Neue Soziale Bewegungen, Patriarchat, Politik außerhalb des Staates, privat/gesellschaftlich, proletarische Erziehung, Psychoanalyse, Reform, Reproduktionsverhältnisse, Selbstorganisation, Sexualität, Sozialarbeit, soziale Bewegungen, Sozialpolitik, Studentenbewegung

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k/kinderladen.txt · Zuletzt geändert: 2013/03/23 19:38 von christian     Nach oben
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