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Intellektuellenfeindschaft []

Intellektuellenfeindschaft

A: ʽidaʼ al-muṯaqqafīn. – E: antiintellectualism. – F: antiintellectualisme. – R: antiintellektualizm. – S: antiintelectualismo. – C: fǎnzhì zhǔyì 反智主义

Wolfgang Fritz Haug

HKWM 6/II, 2004, Spalten 1296-1307

Der Ausdruck ›I‹ ist irreführend, wenn er ohne seine Untertöne gehört wird: Meint er Intellektuelle als Opfer von Anfeindung zu sagen, sagt er doch wörtlich auch, dass sie das Subjekt von Feindschaft sind. Feindschaft zwischen Intellektuellen kann bes. giftig, ihr ›Theologengezänk‹ für andere gesellschaftliche Gruppen bes. abstoßend sein. Oft ist, was als I erscheint, die Form, in der Intellektuelle ihre Konkurrenz austragen. Wo es um Führung (hegemonialen Einfluss) geht, müssen ständig andere Anwärter abgewehrt und in den Augen der Geführten abgewertet werden. Das Verhältnis der Arbeiter zu den ›Hirnis‹, v.a. den akademischen, aber auch den Produktionsintellektuellen, ist von Ambivalenz bestimmt: Sie halten diese zugleich für intelligenter als sich selbst und für praktisch unfähig; die Tätigkeit der ›Sesselfurzer‹ erscheint ihnen zugleich bequemer und schwieriger als die eigene. In der Arbeiterbewegung und erst recht im Staatssozialismus bilden diese Antagonismen und Ambivalenzen eine schwer durchdringliche Gemengelage, die sich in der Chinesischen Kulturrevolution in Universitätsschließungen und massenhafter Zwangsversetzung von Intellektuellen in die dörfliche Landwirtschaft, im Extremfall des Pol-Potismus sogar im Massenmord an Intellektuellen und anderen städtischen Gruppen entladen hat.

Die Bezeichnung ›I‹ ist dabei allerdings so vieldeutig wie die des ›Intellektuellen‹, der im allgemeinen Sprachgebrauch manchmal nur die ›literarische‹, dann wieder die ›freischwebende‹ Intelligenz bedeutet, seltener die akademisch Ausgebildeten oder entsprechend Berufstätigen, während er bei Antonio Gramsci all diejenigen meint, die unabhängig von Ausbildung und Beruf die Funktionen der Interessenartikulation und Koordination sozialer Gruppen und Klassen ausüben.

Konkrete Intellektuellenkritik ist als solche kein Fall von I, sondern die Alternative zu ihr. Friedrich Schiller greift in seiner Antrittsvorlesung den »Brodgelehrten« an, den keine Wahrheit interessiert, die sich »für ihn nicht in Gold, in Zeitungslob, in Fürstengunst verwandelt« (Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?, 1789). Als »Superstruktur ideologischer Stände« kritisiert Marx das Ensemble derjenigen ›Kopfarbeiter‹, deren Funktionen für die Bewältigung der »Gegensätze in der materiellen Produktion […] nötig« sind (…). Rosa Luxemburg brandmarkt den »theoretisierenden Bürokraten« in Gestalt eines bestimmten Typus des »deutschen Professors«, der »den lebendigen Stoff der sozialen Wirklichkeit in die kleinsten Fasern und Partikelchen zerpflückt, nach bürokratischen Gesichtspunkten umordnet und rubriziert und so abgetötet als wissenschaftliches Material für die verwaltende und gesetzgebende Tätigkeit der Geheimräte abliefert. Diese fleißige Atomisierungsarbeit […] ist zugleich das sicherste Mittel, alle großen sozialen Zusammenhänge theoretisch aufzulösen und den kapitalistischen Wald hinter lauter Bäumen ›wissenschaftlich‹ verschwinden zu lassen.« (…) Als »Lorianismus« greift Gramsci »Mangel an systematisch kritischem Geist, Nachlässigkeit bei der Ausübung der wissenschaftlichen Tätigkeit« und »verantwortungslose« intellektuelle Schaumschlägerei an (Gef). Den »Vermieter des Intellekts« in »dieser Zeit der Märkte und Waren« kritisiert Bertolt Brecht als den »Tui« (»Tellekt-Uell-In«) (…). Theodor W. Adorno gibt im Jargon der Eigentlichkeit den salbungsvollen Diskurs der affirmativen Intellektuellen der postfaschistischen BRD der verdienten Lächerlichkeit preis. – »Diese unglücklichen Intellektuellen!«, notiert Brecht im Arbeitsjournal. »Sind sie gefährlich? Sie sind es, wie Zigarren, die man in die Suppe schneidet.« (…) Zigarren aber waren für ihn unentbehrlich. Das Problem sind nicht die Intellektuellen, sondern die Verwendung ihrer intellektuellen Fähigkeiten. Im Gegensatz zu solcher Kritik an bestimmten Ausübungsformen der intellektuellen Funktionen, manifestiert I sich darin, dass die Intellektuellen als solche angegriffen werden. »Nichts verächtlicher«, notierte Kurt Tucholsky im deutschen Präfaschismus, »als wenn Literaten Literaten Literaten nennen.« (…)

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