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islamischer Fundamentalismus []

islamischer Fundamentalismus

A: usūlīya ʼislamīya. – E: islamic fundamentalism. – F: fondamentalisme islamique. – R: islamskij fundamentalizm. – S: fundamentalismo islámico. – C: Yīsīlán jīběn jiàoyì zhǔyì 伊斯兰 基本教义主义

Aziz Al-Azmeh (JR)

HKWM 6/II, 2004, Spalten 1575-1584

Unter iF versteht man allgemein eine ideologische Strömung, die die islamische Frühgeschichte in Medina im 7. Jh. und v.a. die vorbildhaften Worte und Taten des Propheten Muhammad als Utopie der gesellschaftlichen, politischen und moralischen Ordnung konstruiert und die eigenen sozialen und politischen Initiativen als Versuche der Wiedereinsetzung dieses einzigartigen historischen Moments betrachtet. Die Wiederherstellung eines verlorenen goldenen Zeitalters wird als Wiedergewinnung eines dauerhaften und zeitlosen Zustands der Reinheit angesehen, der durch die spätere Geschichte korrumpiert wurde, aber in der Latenz intakt blieb.

Es war niemals die Auffassung der islamischen Geistlichen im Mittelalter, dass ein solch wunderbarer Moment sich vor dem Anbruch der Apokalypse und der Ankunft des Messias (arab. al-Mahdi) wiederholen könnte; und da sie praktische Juristen waren, hielten sie auch nie die Illusion aufrecht, dass eine solche ursprüngliche Unschuld wieder gewonnen und solche ursprüngliche Bedingungen wiederhergestellt werden könnten. In beiden Punkten setzten sich die modernen Fundamentalisten von ihnen ab. Hierzu führten sie erstmals eine Praxis ein, den Koran als eine politische Urkunde zu lesen, die nicht nur dogmatische Äußerungen, sondern auch Verpflichtungen und Verbote als Bestandteile des politischen Programms einer islamischen Gesetzesherrschaft enthält. Die sog. ›Rückkehr‹ zum Islam ist in Wirklichkeit eine zu einem neu geschaffenen Ort.

In diesem Sinne ist der iF ein zutiefst modernes Phänomen des Antimodernismus. Er ist nicht so sehr im Nebel des Phantasmas als im vollen Licht der modernen Geschichte entstanden und muss daher von diesen Entstehungsbedingungen her verstanden werden. Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung bei Muslimen und Nicht-Muslimen, die sich in gängigen Titeln wie ›islamisches Erwachen‹ oder ›Wiederkehr des Islam‹ niedergeschlagen hat, ist er von den alten islamischen Traditionen, und zwar von den gelehrten wie von den popularen, viel zu weit entfernt und auch entfremdet, als dass man ihn als authentische, wenn auch verdichtete Resultante dieser Traditionen ansehen könnte. Insofern er den politischen Ausdruck einer bestimmten, vom Kanon abgeleiteten Betrachtungsweise und Inspiration darstellt, ist er in der Religionsgeschichte eher Normalfall denn Ausnahme: das utopische Ziel als eine Rückkehr zum heilen Ursprung zu artikulieren, ist ein allgemeiner Topos religiöser Heilsgeschichte und »Mythopraxis« (Sahlins). Eine besondere Nähe lässt sich zu Formen des Protestantismus aufzeigen, dessen Ursprung, die Reformation, sich selbst ja durch die Treue zum urchristlichen Ursprung definiert hat (vgl. Al-Azmeh 2002). In seiner romantischen Suche nach einem unbefleckten Shangri-La, einer ›heilen Welt‹, konvergiert er wiederum mit nostalgischen Ideologien, die unterschiedliche soziale Bewegungen der Moderne, populistische wie nationalistische, bestimmt haben. In seiner Ausrichtung an einer »passiven Revolution« (Gramsci) treibt der iF Geschichts-, Gesellschafts- und Staatskonzeptionen hervor, die den universellen Grundelementen des Populismus, Vitalismus und Voluntarismus entsprechen, die ihrerseits zum Standardrepertoire der antirevolutionären und gegenaufklärerischen Ideologien der europäischen wie außereuropäischen Geschichte seit der Französischen Revolution gehören.

Schließlich verweist die große Bandbreite der nationalen Schauplätze, der sektiererischen Abweichungen und politischen Orientierungen auf eine Ideologie mit zunehmender Ausstrahlung im letzten Viertel des 20. Jh. Diesbezüglich weist der iF ähnliche sozio-ökonomische Merkmale auf wie andere subalternistische, revanchistische und irredentistische Bewegungen vom Balkan bis nach Indien bzw. wie diejenigen, die von sozialökonomischer und regionaler Marginalität geprägt sind, oft in Verbindung mit ethnischen oder religiösen Spaltungen. Und wie sie breitet er sich sowohl als unbestimmtes Gefühl als auch in der Form zellenmäßig oder parteipolitisch organisierter Dissidenz- und Protestbewegungen aus, nahezu unmerklich inspiriert von den Erfahrungen der Verschwörungs- und Geheimzirkel, die im 20. Jh. im Bolschewismus kulminierten. So werden die Mobilisierung der Massen und der Aufbau von Organisationsstrukturen von einem festen Zentrum pflichtbewusster Berufskader aus geleistet, die den äußeren Kreis auf eine Weise disziplinieren, bei der es, wie in einigen extremen Fällen in Ägypten, Algerien, Afghanistan oder in einigen westlichen Ländern, zu einer völligen Resozialisierung und zur Schaffung von Gegengesellschaften kommen kann, die sich durch Kleidung, Haartracht, Anredeformen, Heiratsverbindungen und andere Distinktions- und Entfremdungsmerkmale abheben.

Anarchismus, Arabischer Sozialismus, Aufklärung, Berufsrevolutionär, Darwinismus, Dogmatismus, Edukationismus, Entfremdung, Entzauberung, Ethnie/Ethnizität, Französische Revolution, Fundamentalismus, Gewalt, Hegemonie, Hegemonismus, Hindutva, Identität, Identitätspolitik, industrielle Reservearmee, Intellektuelle, islamische Revolution, Konservatismus, Kulturimperialismus, Marginalisierung, Modernisierung, Multikulturalismus, Mythos, Nation, Nationalismus, Nihilismus, passive Revolution, Patriarchat, Populismus, Positivismus, Postmoderne, Rassismus, Reformation, Reformismus, Religion, Revolution, Sozialdarwinismus, Strafe, Subalternität, Symbol, Theokratie, Ursprung, Verschwörung

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