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Liebe []

Liebe

A: ḥubb. – E: love. – F: amour. - R: ljubov’. – S: amor. – C: ai 爱

Wolfgang Fritz Haug (I.), Frigga Haug (II., IV.), Ton Veerkamp (III.)

HKWM 8/I, 2012, Spalten 1068-1108

I. L als Hingezogensein zu jemand oder etwas Geliebtem mag auf den ersten Blick als grundpositiv erscheinen, eine Kraft, die Menschen verbindet, ein Glücksbringer. Der Gedanke stockt, wenn er auf die Dialektik der L stößt. Diese hebt die Verdinglichung auf, die ihr anderes Selbst, der Sex, begehrt. Wie dieser ist sie allgegenwärtig im Imaginären, in der Religion nicht weniger als in der Reklame. Sie ist bei der Ordnung und bei ihrer Subversion. Sie ist das Persönlichste, dem die unpersönlichen Institutionen – Staat, Kirche, Kapital – ihre Sprache entnehmen. Sie geht mit ihrem Gegenteil, dem Hass, schwanger und ist mit Leben und Tod geladen. Sie strebt ins Freie und verbindet sich mit Macht und Herrschaft. Entwaffnet sie hier die Gewalt, bedient sie sich ihrer dort. Sie ist die Hingabe, die der Ausbeutung anheimfällt. Sie kann einer Schutzhaft gleichen und ist zugleich das Verlangen, daraus zu entkommen. Sie rührt an den Sinn des Lebens und fungiert als Ersatz dafür. Dies alles hat zu allen Zeiten und in allen Kulturen die Menschen umgetrieben und ihre Mythen, Bildwerke und Lieder gefüllt.

II. Es wird im Folgenden darum gehen, eine historisch-kritische Analyse dieser Dialektik im Wandel der Epochen zu konkretisieren. Dabei ist auch der feministische Blick zu schärfen und die schlagende Differenz zwischen Männern und Frauen herauszustellen, die im Liebeskontext sprechen; zu entziffern, wie Frauen im zivilisatorischen Prozess Objekte der L sind, noch wenig deren Subjekte. Dabei gilt, dass bei diesem Gegenstand alle Berichte Wunschvorstellungen und Begehren der jeweiligen Autoren beinhalten, daher mit Zweifeln zu lesen sind. »In Bezug auf die Liebe und die Sexualität spricht der Historiker [… ] sehr viel mehr über sich selbst, als wenn er die Diplomatie Goldstones oder das große karolingische Reich behandelt.« (Duby 1995)

III. In der hebräischen Bibel kommt das Verb ahab, lieben, 141 Mal vor. Verwandt sind oheb, Geliebter, und ahaba, L. Die Wortgruppe deckt alle Stufen von L ab, von erotischer Leidenschaft über Freundschaft (vgl. die Erzählung über die Freundschaft zwischen David und Jonathan, 1 Sam 18-19) bis zur Solidarität, etwa das Wort über die Nächstenliebe in Levitikus: »Mit deinem Gefährten sei solidarisch wie mit dir selbst.« (19,18) Die L hat in der Bibel zwei Objekte: Gott und den Gefährten bzw. Nächsten. Die L zu Gott ist sozusagen der kategorische Imperativ des Judentums: »Höre Israel, JHWH, dein Gott, JHWH, Einmaliger. Du sollst JHWH lieben mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele, deiner ganzen Leidenschaft« (Deuteronomium 6,4f). Da JHWH als singulärer Gottesname für eine Gesellschaftsordnung der Freien und Gleichen steht, soll die Haltung zu dieser Gesellschaftsordnung eine Herzensangelegenheit sein, deswegen »lieben«. Die Gesellschaftsordnung der Freien und Gleichen setzt zwingend die Solidarität unter den Gesellschaftsmitgliedern voraus: Sie setzen sich für die Freiheit und Gleichheit des in Not geratenen konkreten Mitmenschen, den »Gefährten, Nächsten« ein. Deswegen ist das Liebesgebot notwendig ein Doppelgebot: Die Gesellschaftsordnung an sich und jeder Mensch in dieser Gesellschaft sollen eine Herzensangelegenheit sein.

IV. […] Die Rekonstruktion des Liebesbegehrens beginnt mit einer Art Mitgift: »Eros […], der gliederlösende, der allen Göttern und Menschen den Sinn in der Brust überwältigt und ihr besonnenes Denken« (Hesiod), als Gabe für den Genuss an alle – Menschen wie Götter. Es folgt die lange Geschichte der Trennungen und Verfehlungen als Leidensgeschichte der Menschwerdung. Zwei Hauptlinien lassen sich erkennen. Die Menschen können sich ihre Natur nicht aneignen, solange sie die L metaphysisch als eine Art Extrawesen außerhalb ihrer selbst begreifen, das sie hinterrücks überfällt oder sich umgekehrt ihrer nicht bemächtigt, und solange ihre Lebensbedingungen die Entwicklung ihrer Sinne nicht zulassen. Früh schon wird L in Sexualität und eigentliche oder wahre L gepalten, sodass die letztere körperlos scheint, die erstere ohne Entwicklung auf tierischem Niveau verbleibt. Das ist die widersprüchliche Grundlage über viele Jahrhunderte.

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l/liebe.txt · Zuletzt geändert: 2018/02/26 21:29 (Externe Bearbeitung)     Nach oben
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