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Lyssenkoismus []

Lyssenkoismus

A: naẓarīyat trūfīm līsinko. – E: Lysenkoism. – F: lyssenkisme. – R: lysenkovščina. – S: lysenkismo. – C: Lǐsēnkē zhǔyì 李森科主义

Konstantin Westphal (I.), Volker Schurig (II.)

HKWM 8/II, 2015, Spalten 1438-1460

I. Bei dem Versuch, ›L‹ zu begreifen, ist die einzige Gewissheit zunächst die Herkunft des Namens: Er leitet sich her von dem des ukrainischen Agrarwissenschaftlers Trofim Denissowitsch Lyssenko (1889-1976). Danach begegnet man einem Ensemble gegensätzlicher Auffassungen. Zumeist wird L als Förderung pseudowissenschaftlicher Thesen und als Behinderung freier Wissenschaftsentfaltung durch die Politik oder einfach als Scharlatanerie verstanden. Der gesellschaftliche Rahmen dafür ist die totalitäre Diktatur unter Stalin. Hermann Joseph Muller, us-amerikanischer Genetiker und Biologe, der 1933-36 in Leningrad und Moskau arbeitete, kommt in seiner damals aufsehenerregenden Kritik mit dem Titel Die Zerstörung der Wissenschaft zu einem ähnlichen Ergebnis. Zusätzlich denunziert er den L als »militanten Mystizismus« (1948, 65). Er bringt jedoch einen wichtigen Aspekt zur Sprache, indem er Lyssenko als Werkzeug der »highest political power« bestimmt (14). Dieser Aspekt wird bes. in den Arbeiten von Valery N. Soyfer herausgestellt, der nicht Lyssenko für den Niedergang der sowjetischen Wissenschaft verantwortlich macht, sondern dessen dominante Rolle in der Biologie auf die direkte Intervention der führenden Kader der KPdSU in die Wissenschaft zurückführt (2001, 724). Der us-amerikanische Historiker Loren Graham setzt den Akzent anders und erklärt kurz und bündig: »Die Lyssenko-Periode war eher ein Kapitel in der Geschichte der Pseudowissenschaft als der Geschichte der Wissenschaft« (1972, 195). Auch sein US-Kollege David Joravsky verwirft jeden Hinweis auf authentisches Forschen, wissenschaftliche Standpunkte und Auseinandersetzungen. Für ihn ist der L ein Aufstand gegen die Wissenschaft überhaupt. Er bringt aber ein wichtiges Argument: »Landwirtschaft war das Problem, nicht theoretische Ideologie« (1970, VII). Allen gemeinsam ist die unterschiedlich deutliche Schlussfolgerung, nicht an den tradierten Bedingungen wissenschaftlicher Produktion zu rütteln: »The history of Lysenkoism and its devastating effect on Soviet research stands as a warning to those who argue that scientific research ought to answer to public opinion or political decisions.« (Liu/Li/Wang 2009, 939)

Wie aus einer anderen Galaxie wirkt dagegen die Bewertung des allseits anerkannten us-amerikanischen Biologen Leslie Clarence Dunn, der 1927 sieben Forschungsinstitute für Genetik und experimentelle Biologie in Moskau und Umgebung besuchte: »Der Fortschritt der biologischen Forschung in der SU hat uns Wertvolles gelehrt. […] Kontrolle und Organisation der Wissenschaft durch und für die Gemeinschaft töten weder wissenschaftlichen Geist und Initiative, noch versenken sie den individuellen Wissenschaftler in der Anonymität.« (1944, 67) Nils Roll-Hansen, der geduldig und verständig in den Archiven Dokumente findet, Zeitzeugen befragt und die bisherige Literatur zu Worte kommen lässt, wird nicht vom Resultat eines Entwicklungsprozesses geblendet, sondern rekonstruiert diesen. Er zeigt, dass Lyssenko in seinen Anfängen in der Pflanzenphysiologie Ergebnisse produzierte, die den wissenschaftlichen Stand seiner Zeit reflektierten und auf das rege Interesse internationaler und russischer Wissenschaftler stießen (2005a, 12; 2005b, 144).

Bei so widersprüchlichen Perspektiven ist es notwendig, den Entwicklungsprozess des größten Wissenschaftsskandals des 20. Jh. zu rekonstruieren. Dazu werden im Folgenden die widersprüchliche Entwicklung in der sowjetischen Biologie und Agrarwissenschaft und ihre Verschränkung mit den gesellschaftlichen Umwälzungen analysiert und es werden die Auswirkungen des sich herausbildenden despotischen Regimes unter Stalin dargestellt, das über einen Vergesellschaftungsprozess von oben die Vermittlungsebenen naturwissenschaftlicher Produktionsbedingungen einebnet und die Resultate der Forschung dekretiert.

II. In der Zeitschrift Einheit, dem theoretischen Organ der SED, setzte 1948 eine Rezeption der sog. Mitschurin-Biologie und des L ein (Gottschalk 1948), deren Blütezeit 1956 zu Ende war. […] Die flächendeckende Ausbreitung des L im Wissenschaftsbereich der DDR verhinderte der Genetiker und Züchtungsforscher Hans Stubbe, 1951 Mitbegründer und bis 1969 Präsident der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR. […] Die Genetiker Gustav Becker (Institut für Pflanzenzüchtung, Quedlinburg) und Kurt Mothes (Gatersleben/Universität Halle) kritisierten Lyssenkos Züchtungsmethoden ebenfalls.

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l/lyssenkoismus.txt · Zuletzt geändert: 2018/02/26 21:51 von christian     Nach oben
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