Vorwort zu HKWM Band 6

»Gott würfelt nicht«, pfl egte Albert Einstein dem Indeterminismustheorem der Quantenmechanik entgegenzuhalten. Der Gott des Wörterbuchs jedoch, das Alphabet, würfelt die Themen durcheinander. Dabei bilden sich je eigene Konfi gurationen von Schwerpunkten. Im vorliegenden Band privilegiert die arbiträre Ordnung des ABC Artikel, in denen – oft erstmalig – versucht wird, Phänomene des High-Tech-Kapitalismus (wie »Hirnforschung«, »hochtechnologische Produktionsweise«, »Information« und andere mehr) begriffslexikalisch zu erfassen, dazu die entsprechenden neuen oder mit neuer Bedeutung besetzten Formen der Arbeit (etwa »immaterielle Arbeit« oder »Ich-AG«) oder im Zuge der ›inneren Landnahme‹ des High-Tech-Kapitalismus aktuell gewordene Begriffe (wie »Inwertsetzung«). Überhaupt liegt neben der Abhandlung klassischer politisch-ökonomischer Begriffe und Theorien (wie »Industriegesellschaft« oder »Inflation«) besonderes Gewicht auf Konzepten, denen die kapitalistische Globalisierung neue Aktualität aufgeprägt hat (wie »internationale Arbeitsteilung«, »internationale Zivilgesellschaft«, aber auch »Internationalisierung des Staates«).

Im übrigen stehen neben klassisch-marxistischen Themen und Begriffen (wie »Herrschaft«, »Ideologietheorie« oder dem wieder aktuell gewordenen Begriff des »Imperialismus«) gramscianische (z.B. »Hegemonie«, »integraler Staat«, »historischer Kompromiss«) und althusserianische Begriffe (»Imaginäres«, »ideologische Staatsapparate«). Gesellschaftstheoretische Begriffe (wie »Institution «) wechseln sich ab mit philosophischen und epistemologischen Kategorien (z.B. »Humanismus«, »Idealismus / Materialismus«, aber auch »Idealtypus «, »Irrationalismus« usw.). Geschichtsmaterialistische und psychologische Kategorien (»historische Individualitätsformen«, »Identität«, »Individuum« oder »Intelligenz«) lösen sich ab mit solchen, die Schnittstellen zwischen Sexualität, Geschlechter- und Herrschaftsverhältnissen (etwa »Homosexualität« und »Heteronormativität«) behandeln, politisch-juristische (wie »Illegalität« oder »innere Sicherheit«) mit kulturellen (»Heimat«, »Horror«, »Jeans«) oder religiös-mythischen, die die Volksphantasie traditionell besonders beschäftigen (»Himmel / Hölle«, »Jenseits / Diesseits« oder »Hexe«), und ästhetischen (»Illusion«, »Held«).

Mit »Hindutva«, »Indiofrage«, »Indische Frage«, »Irische Frage«, »islami sche Revolution«, »islamischer Fundamentalismus«, »Judenfeindschaft«, »Judenfrage«, »innerer Kolonialismus« kommen ethnisch, religiös oder natio nal artiku lierte Konfl ikte ins Bild, die geeignet sind, eurozentrische und unhistorische Weltsichten aufzubrechen. Auf ihre Weise tragen hierzu auch die Artikel über sozialistische oder marxistische Richtungen bei (wie z.B. »Hiromatsu-Schule« oder »jugoslawischer Sozialismus«), vielleicht auch der revolutionsgeschichtliche Vorläufer »Jakobinismus«.Das bei alledem verfolgte Konzept dieses Wörterbuchs schließlich wird mittelbar refl ektiert im Artikel »historisch-kritisch«, flankiert durch »Hermeneutik « und »Interpretation«.

Es versteht sich, dass diese Zuordnungen angesichts des thematisch multivalenten Charakters der meisten Artikel nur einen kleinen Ausschnitt der möglichen Affi nitäten und Bezüge vertreten. Wenn Althusser den Materialismus zuletzt »aleatorisch« wollte (von lat. alea, »Würfel«), als matérialisme de la rencontre, eine Philosophie des kontingenten Zusammentreffens, nicht der inneren Notwendigkeit,1 so scheint dem das kaleidoskopische Spiel der lexika lischen Nachbarschaften zu folgen, das den »Holokaust« in die Nähe von »Hollywood« rückt. Doch unter der disparaten Abfolge der Nomenklatur wird man ein überaus komplexes und feinmaschiges Netzwerk entdecken, für das die Querverweisungen unter den Artikeln einen Anhalt geben.

II

Als ein »Ringen mit den Engeln« hat Stuart Hall einmal Theoriearbeit bezeichnet. Seine eigene situierte er »in Hörweite des Marxismus« und fügte hinzu: »Die einzig lohnende Theorie ist die, der man widerstehen muss, nicht die, die man mit routinierter Gewandtheit zu sprechen weiß«.2 Routine scheidet im historisch-kritischen Wörterbuch erst recht schon deshalb aus, weil auch Artikel, die keinen Neologismus oder kein Phänomen an der Front der Entwicklung behandeln, ihre Gegenstände einer Aktualitätsprobe zu unterziehen haben, indem sie die marxschen Denkmittel den praktisch-theoretischen Aufgaben der Gegenwart aussetzen.

Der vorliegende Band dokumentiert die Problemverschiebungen, die sich dabei für marxistisches (oder auch in »Hörweite des Marxismus« sich entfaltendes) Denken ergeben. Zwei Beispiele zeigen dies besonders deutlich: Der Artikel »historischer Materialismus« beansprucht nicht, ein ›System‹ zu referieren, versucht auch nicht, die Geschichte der Systematisierungsversuche in extenso darzustellen, sondern zeichnet v.a. Geschichte und Funktion eben jenes Anspruchs nach. Daran lässt sich ablesen, in welchem Ausmaß ehemalige Großbegriffe ihren Systemzwang eingebüßt haben. Auch »Idealismus / Materialismus«, eine ähnliche Einladung zur Systemkonfrontation, legt den Akzent auf die Funktion einer Konfl iktfront im Zusammenhang politischer Richtungskämpfe und sozialistischer Staatswerdung. Zu den ›Sachen selbst‹ führen die eher technischen und analytischen Artikel, die wie der Artikel »Historisches / Logisches« konkrete Probleme der Theorie bzw. politisch überdeterminierter Theoriedebatten im ›historischen Materialismus‹ behandeln oder wie der Artikel »Idealtypus« in der Auseinandersetzung mit Max Weber oder der Artikel »immanente Kritik« das ›Außenverhältnis‹ zu bürgerlicher Methodologie überprüfen.

Die zunehmenden Krisen und Konfl ikte und die Bildung einer weltweiten Bewegung gegen die neoliberale Globalisierung des Kapitalismus haben das Bedürfnis nach kapitalismuskritischen Denkmitteln wieder aufl eben lassen. Die Universitäten behandeln Marx derweil als toten Hund, was verfl achten oder antediluvianischen Formen der Marx-Rezeption das Feld zu überlassen droht. Im Vorwort zum ersten Band (der zusammen mit dem vorliegenden in dritter Aufl age erscheint) haben wir unser Projekt als »Arche Noah kritischen Denkens« vorgestellt, und Fred Jameson hat es als »message in a bottle for the future« bezeichnet. Inzwischen lässt sich ein erster Brückenschlag in die Gegenwart zu neuen sozialen Bewegungen feststellen, woran die innovative Dimension vieler Artikel ihren Anteil hat. Einen zusätzlichen Schritt in Richtung auf eine wichtige Adressatengruppe realisiert das Historisch-kritische Wörterbuchs des Feminismus3, das die für eine aktuelle Politik der Geschlechterverhältnisse relevanten Artikel aus den ersten sechs Bänden des HKWM in einer preiswerten Ausgabe zusammenstellt. Eine lateinamerikanische Ausgabe dieser Auswahl steht in Aussicht. Auch für das ›große‹ HKWM scheint sich die Tür nach draußen zu öffnen: Gruppen von Übersetzern bereiten eine spanische und eine englische Version vor.

III

Der vorliegende Band, der den historisch-kritischen Maßstäben seiner Vorgänger folgt,4 erscheint aus arbeitsökonomischen, technischen, finanziellen und Umfangsgründen in zwei Teilen im Abstand weniger Monate.5 Die Mühen, die er den Beteiligten abgefordert hat, führten das Projekt an seine Grenzen. Wenn es dennoch nicht gescheitert ist, gebührt der Dank den rund zweihundert Mitwirkenden, die es oft unter großen Opfern an Zeit und Kraft beratend, schreibend, übersetzend, redigierend, korrigierend oder koordinierend ermöglicht haben, eine weitere Fuhre ebenso wertvoller wie gefährdeter Last ans rettende Ufer zu bringen. Unentbehrliche Hilfe bei der editorischen Endredaktion kam zumal von Christian Wille.

Zu danken ist nicht zuletzt den auf der Sponsorentafel verzeichneten individuellen Unterstützern, die ihren Obolus zur Finanzierung dieser ungemein aufwendigen Arbeit beigetragen haben. Von staatlicher Seite erhält dieses Projekt keine Zuwendung. Wichtig war die infrastrukturelle Stützung durch die Freie Universität Berlin und die Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik. Ein Zeichen wachsender internationaler Anerkennung ist die Erweiterung des Kreises progressiver Stiftungen, die zur Finanzierung beitragen, um die Poulantzas-Stiftung (Athen) und die Fundación de Investigaciones Marxistas (Madrid), aber auch der Zuwachs der Sponsoren um den schweizer Vorwärts und allein drei fi nnische Institutionen.Die Produktionsweise dieses Wörterbuchs und Aspekte seines Gegenstands »Hochtechnologie« hängen ineinander: Im Artikel »Internet« ist das Medium angesprochen, in »immaterielle Güter« die Produktform, in »Heimarbeit / Telearbeit« eine der Kooperationsformen, die das HKWM erst möglich gemacht haben. In der Art eines geistes- und sozialwissenschaftlichen Open- Source-Projekts entwickelt es sich in tendenziell globaler Kooperation und hat, wie Linux, in dieser Form, die nicht durch Kapital oder Staat vermittelt ist und die den kritisch-theoretisch Arbeitenden weltweit offen steht, eine seiner Kraftquellen, wobei die Form der open source auch hier den Inhalt verändert.

Esslingen, im März 2004
Wolfgang Fritz Haug

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1 L.Althusser, Écrits philosophiques et politiques, Bd. 1, Paris 1994, 539ff.
2 S.Hall, Cultural Studies. Ein politisches Theorieprojekt, Ausgewählte Schriften, hgg. v. N.Räthzel, Hamburg 2000, 37ff.
3 Historisch-kritisches Wörterbuch des Feminismus, hgg. im Auftrag des Instituts für kritische Theorie von F. Haug, Hamburg 2003.
4 Mit einer formalen Ausnahme beim Nachweis der Zitate von Marx und Engels: Da sich die MEGA-Bände durch ihre römische Numerierung von den MEW-Bänden unterscheiden lassen, haben wir uns entschieden, die Nachweise zu verknappen: Ein Nachweis wie »MEGA I.25, 12; MEW 19, 18f« (vgl. HKWM 5, 385) heißt künftig einfach »I.25/12; 19/18f«.
5 Apparat und Namensregister folgen im Teilband 6/II.