Vorwort zu HKWM Band 5

Bei manchen Büchern erzählt die Form etwas von einer Problemverschiebung während der Entstehung. So beim marxschen Kapital, dessen erste Auflage das Eingangskapitel zweifach enthält, einmal am Anfang, dann in umgearbeiteter Form am Schluss. Im vorliegenden Band ist es Étienne Balibars Artikel Gewalt, mit 42 Spalten der umfangreichste, dessen erster Teil auf seinem alphabetischen Platz steht, während die Ausführung des dort Angekündigten sich am Schluss des Bandes findet. Der Anschlag vom 11. September 2001 aufs World Trade Center und der von den USA daraufhin erklärte ›Weltkrieg gegen den Terror‹ haben diesem Thema zusätzliche Aktualität verschafft. Darüber hinaus erweist die Gewaltfrage sich als Prüfstein für die historische Kritik des Marxismus, da die Marxismen an ihr trotz bis heute unumgehbarer Beiträge letztlich gescheitert sind. Nicht nur wurden sie überwältigt durch die Gewaltpotenziale der bürgerlichen Gesellschaft, vor allem in der kommunistischen Linie wurden sie darüber hinaus zu Subjekten von Gewaltpraxen, die sie nicht mehr zu beherrschen vermochten.

Um diesen Grundlagentext gruppieren sich thematisch verwandte Artikel (Genozid, gerechter Krieg, Gewaltmärkte und Guerilla). Gentechnologie, globale Stadt, Globalisierung, Hacker stehen für aktuelle Rahmenbedingungen der Gewaltproblematik. Das zuletzt aufgenommene Stichwort Globalisierungskritik gilt der aktuell wichtigsten weltweit aktiven kapitalismuskritischen Bewegung. Gegen sie ist zuletzt in Genua eine staatliche Gewalt entfesselt worden, die an die Verhältnisse nach jenem anderen traumatischen 11. September erinnerte, dem von den USA unterstützten Armeeputsch von 1973 gegen die frei gewählte demokratisch-sozialistische Regierung Chiles.

Das Alphabet hat dem vorliegenden Band weitere kardinale allgemeintheoretische Begriffsgruppen zugewiesen wie Gesellschaft und Geschichte, Geld und Gerechtigkeit, Geist und Geschlechterverhältnisse. An diesen letzten Begriff schließt sich ein kleines feministisches Wörterbuch an (Gender Mainstreaming, Geschlecht, Geschlechterdemokratie, Geschlechtervertrag, geschlechtsegalitäre Gesellschaften, Gleichstellungspolitik, Hausarbeitsdebatte, Hausfrau, Hausfrauisierung [der Lohnarbeit], häusliche Produktionsweise). Wie beim vierten Band ist dieser Komplex vor allem Frigga Haug zu verdanken. Zu historischen ›Eingängen‹ (germanische Gemeinde, Gesellschaftsformation, griechische Antike und Haitianische Revolution) und geschichtstheoretischen (Geschichtsgesetze, geschichtslose Völker, Geschichtsphilosophie und Geistesgeschichte) kommen epistemologische Artikel (Gegensatz, Gegenstand, Genealogie, Genesis, Gesetz, Grammatik, Grenzen der Dialektik, Grundwiderspruch), speziell philosophische (Geisteswissenschaft, Geworfenheit, Grundfrage der Philosophie, Hegelianismus, Hegel-Kritik) und philosophisch-psychologische (Geiz, Genuss, Gewohnheit, Gleichgültigkeit, Glück, Hedonismus, Gestus, Habitus und Haltung, Handlung und Handlungsfähigkeit, Geisteskrankheit und gesund/krank).

Neben einem politisch-ökonomischen Komplex (gerechter Lohn, Gleichgewichtstheorie, Grundeigentum, Grundrente, Handel, Handelskapital) steht eine Gruppe spezieller Begriffe der Kritik der politischen Ökonomie (geistige und körperliche Arbeit, general intellect, Gesamtarbeit und Gesamtarbeiter, gesellschaftlich notwendige Arbeit). Ökologische Artikel (Grenzen des Wachstums, Grüne Revolution, Grüner New Deal) wechseln sich ab mit politisch-soziologischen (Gleichheit und Gleichmacherei, Gemeinschaft, Gemeinwesen und Gemeinwesenarbeit, aber auch Gegenöffentlichkeit, Geheimdiplomatie, Geopolitik, Große Weigerung, Grundsicherung, Grünes Buch). Dazu kommen spezielle Stichwörter zu Politik und Kampfformen der Arbeiterbewegung (Gemeinwirtschaft, Genossenschaft, Gewerkschaften, gewerkschaftliche Kampfformen, Generalstreik), zu Sozialismus und Kommunismus (Generallinie, Genosse, Glasnost, Gorbatschowismus, Großer Sprung, Guevarismus, GULag, Halbstaat).

Ferner finden sich gramscianische Eingänge (geschichtlicher Block, gesunder Menschenverstand, Gramscismus, Hegemonialapparat) und juristische bzw. rechtsphilosophische Artikel (gesellschaftliche Gerichte, Gesellschaftsvertrag, Gewaltenteilung, Gewohnheitsrecht, Grundrechte). Zu ästhetischen Stichwörtern wie Gestalt und Gestus kommen Topoi wie Geheimnis, Gespenst und Haus.

Zu den Überraschungen, die der Band bereithält, gehört ein kritisch-theologischer Komplex (Gemeinde, biblische Gerechtigkeit, Gewissen, Glauben, Gott, Göttin und Handlungsfähigkeit I). In einer Zeit, in der die religiöse Artikulation der die Welt spaltenden gesellschaftlich-politischen Konflikte die demokratische Zivilgesellschaft zunehmend gefährdet, ist die ›Rück-Übersetzung‹ religiöser Kategorien ins Soziale und Politische von unmittelbarer Aktualität. Eine historisch-materialistische Rekonstruktion Gottes als des höchsten Dichtepunkts gesellschaftlicher Loyalitäten, des Glaubens als eines nicht per se religiösen, der Gemeinde als utopisch aufgeladener Solidarform deutet auf ein Fundament diesseits der Fundamentalismen. Hier zeigt marxistische Rationalität, dass sie dort etwas vermag, wo die markt-liberale Rationalität bürgerlicher Säkularisierung allenfalls nach moralphilosophischer Kompensation rufen kann.

II

Zu danken ist all denen, die durch ihre Mitarbeit als Autoren und Redakteure, Übersetzer und Korrektoren diesen Band möglich gemacht haben, nicht zuletzt dem Koordinator und den Setzern. Zu danken ist auch den Fellows des Instituts für kritische Theorie (InkriT) sowie den anderen, die als kollektive oder individuelle Sponsoren die finanzielle Basis bereitgestellt haben. Gezeigt hat sich allerdings auch, dass es künftig der Finanzierung wenigstens einer Redakteursstelle bedarf, um die enorme Arbeit fortzusetzen.

Zu danken ist schließlich der Freien Universität Berlin und der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik. In Kooperationsverträgen mit beiden Hochschulen hat das InkriT die Einrichtung von Arbeitsstützpunkten erreicht, an denen das HKWM in den kommenden Jahren weitergeführt werden kann. Auf den - von der FU gleichfalls unterstützten - jährlichen InkriT-Tagungen ist es zu einer festen Tradition geworden, die "Wörterbuch-Werkstatt" über die Redaktionsgrenzen hinaus zu einer Stätte internationaler Diskussion unter den Autoren und Adressaten werden zu lassen

Wie immer gilt: Kritik und Anregungen sind willkommen. Und schon jetzt bitten wir um Sponsorbeiträge für den sechsten Band.

Esslingen, 9. November 2001
Wolfgang Fritz Haug