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Malinchismus

A: mālinšīya. – E: Malinchism. – F: malinchisme. – R: malinchizm. – S: malinchismo. – C: Mǎlínqiè zhǔyì 马林切主义

Claudia Leitner

HKWM 8/II, 2015, Spalten 1571-1579

Malinche ist der Name der jungen Frau, die als Übersetzerin und Geliebte des spanischen Eroberers Hernán Cortés zum Inbegriff der Verräterin wird, die die nationale Kultur dem Gegner ausliefert. In dem vom postrevolutionären mexikanischen Kulturnationalismus abwertend verwendeten ›-ismus‹ sind Machismus und antiimperialer Protest ineinander verknotet. Dabei wird verdrängt, dass Malinches Sprachkenntnisse – sie spricht Maya und Nahuatl –, die sie für die Spanier so wertvoll machen, selbst einem Akt der Gewalt oder des ›Verrats‹ entspringen. Sie entstammt einer hochstehenden aztekischen Familie, gerät aber im Kindesalter – gestohlen oder fortgegeben – in die Hände der Maya, die sie wiederum – als eine, die nicht eigentlich zu ihnen gehört – dem Eroberer zum ›Geschenk‹ machen. Dass sie ›die anderen‹ versteht, macht sie ebenso unentbehrlich wie verdächtig und bringt sie in eine dreifach bestimmte Subalternität – als Frau, als ethnisch ›fremdes‹ Subjekt, als Objekt von Interessen in den sich etablierenden kolonialen Ausbeutungsverhältnissen.

M markiert die dunkle Seite des mittels revolutionärer Gründungsmythen propagierten mexikanischen Selbstbilds. In dieser Bedeutung erfährt der Ausdruck im Rahmen der Bürgerrechtsbewegung des Chicano Movement in den USA weitere Zuspitzung und transnationale Anwendung. Nicht zuletzt dient er dazu, eine kritische Haltung gegenüber dem »American Way of Life« zu signalisieren. Seit den 1970er Jahren jedoch rücken die unhaltbaren Prämissen des Ausdrucks ins Bewusstsein – v.a. die Rückprojektion des Nationenbegriffs auf das Mesoamerika des 16. Jh. und die Verbindung von weiblicher und indigener Ohnmacht im Negativmythos der Malinche. Entscheidend sind dabei die wachsende Skepsis gegenüber den identitären Formeln der politischen Elite, feministische Reklamationen der Malinche und Neuorientierungen im Denken der kolonialen Vergangenheit Mexikos.

Antikolonialismus, Ausbeutung, Dritte Welt, Emanzipation, Entkolonisierung, Ethnologie, Ethnozentrismus, Eurozentrismus, Feminismus, Frauenemanzipation, Geschlechterverhältnisse, Gewalt, Hegemonie, Herrschaft, Idealisierung, Identifikation, Identität, Imaginäres, Imperialismus, Indiofrage, Kaliban, Kazikentum, Knechtschaft, Kolonialismus, Kulturimperialismus, Kurtisane, Machismus (machismo), Macht, Männlichkeit, Mariateguismus, Martianismus, Mätresse, Mexikanische Revolution, Multikulturalismus, Muralismus, Mythos, Nation, nationale Identität, Nationalismus, Neokolonialismus, Postkolonialismus, Prostitution, Sklaverei/Sklavenhaltergesellschaft, Sprache, Subalternität, Übersetzung/Übersetzbarkeit, Unterdrückung, Unterwerfung, Vermittlung, Verrat, weibliche Bildung, Zapatismus

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