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e:enttaeuschung [2013/01/18 19:19]
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-Die Wortbildung bezeichnet das Doppelte, dass eine Erwartung nicht erfüllt und zugleich die unzutreffende Vorstellung aufgelöst wird, von der sie ausging. Johann Heinrich Campe schlug um 1800 mit dem Verbum //entteuschen //ein Ersatzwort für die französischen Lehnwörter //desabusiren //und //detrompiren //vor. Dieses setzt sich durch im Sinne des Beendens eines [[i:Irrtum]]– so noch im grimmschen Wörterbuch (1862) als //ex errore rapere//, //aus der teuschung ziehen //–, bis gegen Ende des 19. Jh. die einsinnig negative Konnotation der mit dem Präfix //ent- //gebildeten Wörter übrigblieb (ausführlich: //Deutsches Wörterbuch//, 1995). Im alltäglichen Sprachgebrauch meinte das Verb und nun auch das Substantiv E: die herabstimmende Nichterfüllung einer Erwartung, aus der nicht notwendig mehr folgt als schlechte Laune. Die doppelte Negation schrumpft auf den Rest der einfachen Lebenserfahrung, dass es meist schlechter kommt und es immer eine angenehme Täuschung über den zukünftigen Zustand ist, die sich auflöst. (Für das Gegenteil, die Erleichterung von der Erwartung eines Übels, gibt es deshalb kein einzelnes Wort. Man spricht von »angenehmer Überraschung«, wenn ein unverhoffter Glücksfall sich ereignet oder eine Befürchtung sich als gegenstandslos erweist. Die Verwendung des Wortes E gilt dann als [[i:Ironie]].) Die Sprache als Organ der Gesellschaft bildet deren Möglichkeitsräume ab. Im Deutschen ist die komplexe Bedeutung von E auseinandergefallen und verlor ihre aktivierende Spitze. Mehrere andere Sprachen haben Wörter für E, die Beendigung von Täuschung und einen subjektiven Anteil an deren vormaligem Zustandekommen, ihr Selbsttäuschungsmoment also, andeuten: neben dem englischen //disappointment //stehen //disillusion//, //disenchantment //(Ernüchterung, [[e:Entzauberung]]). Das spanische //ilusión //kann gar gleichbedeutend mit //esperanza //([[h:Hoffnung]]) verwendet werden und gibt so auf, Täuschung aus Erwartung heraushalten zu wollen. (Vgl. hierzu Hirschman 1984) – Das Wort E strebt mit seiner Bedeutungsgeschichte in marxistische Zuständigkeit, schon bevor der Begriff des Ideologischen seine marxistische Prägung im Sinne des [[i:Illusion|illusionären]] Für-Wahr-Haltens erfuhr. Dort angekommen, enthüllt E vergangenes Fühlen, [[d:Denken]] und Handeln als fehlgeleitetes und verlangt vom künftigen, dass es die [[e:Erfahrung]] des Irrens mitsprechen lässt. +Die Wortbildung bezeichnet das Doppelte, dass eine Erwartung nicht erfüllt und zugleich die unzutreffende Vorstellung aufgelöst wird, von der sie ausging. Johann Heinrich Campe schlug um 1800 mit dem Verbum //entteuschen //ein Ersatzwort für die französischen Lehnwörter //desabusiren //und //detrompiren //vor. Dieses setzt sich durch im Sinne des Beendens eines [[i:irrtum|Irrtums]] – so noch im grimmschen Wörterbuch (1862) als //ex errore rapere//, //aus der teuschung ziehen //–, bis gegen Ende des 19. Jh. die einsinnig negative Konnotation der mit dem Präfix //ent- //gebildeten Wörter übrigblieb (ausführlich: //Deutsches Wörterbuch//, 1995). Im alltäglichen Sprachgebrauch meinte das Verb und nun auch das Substantiv E: die herabstimmende Nichterfüllung einer Erwartung, aus der nicht notwendig mehr folgt als schlechte Laune. Die doppelte Negation schrumpft auf den Rest der einfachen Lebenserfahrung, dass es meist schlechter kommt und es immer eine angenehme Täuschung über den zukünftigen Zustand ist, die sich auflöst. (Für das Gegenteil, die Erleichterung von der Erwartung eines Übels, gibt es deshalb kein einzelnes Wort. Man spricht von »angenehmer Überraschung«, wenn ein unverhoffter Glücksfall sich ereignet oder eine Befürchtung sich als gegenstandslos erweist. Die Verwendung des Wortes E gilt dann als [[i:Ironie]].) Die Sprache als Organ der Gesellschaft bildet deren Möglichkeitsräume ab. Im Deutschen ist die komplexe Bedeutung von E auseinandergefallen und verlor ihre aktivierende Spitze. Mehrere andere Sprachen haben Wörter für E, die Beendigung von Täuschung und einen subjektiven Anteil an deren vormaligem Zustandekommen, ihr Selbsttäuschungsmoment also, andeuten: neben dem englischen //disappointment //stehen //disillusion//, //disenchantment //(Ernüchterung, [[e:Entzauberung]]). Das spanische //ilusión //kann gar gleichbedeutend mit //esperanza //([[h:Hoffnung]]) verwendet werden und gibt so auf, Täuschung aus Erwartung heraushalten zu wollen. (Vgl. hierzu Hirschman 1984) – Das Wort E strebt mit seiner Bedeutungsgeschichte in marxistische Zuständigkeit, schon bevor der Begriff des Ideologischen seine marxistische Prägung im Sinne des [[i:Illusion|illusionären]] Für-Wahr-Haltens erfuhr. Dort angekommen, enthüllt E vergangenes Fühlen, [[d:Denken]] und Handeln als fehlgeleitetes und verlangt vom künftigen, dass es die [[e:Erfahrung]] des Irrens mitsprechen lässt. 
    
  

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e/enttaeuschung.txt · Zuletzt geändert: 2015/05/08 19:04 von korrektur     Nach oben
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