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e:ende_der_geschichte [2015/04/08 11:35]
christian
e:ende_der_geschichte [2018/02/26 21:29] (aktuell)
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-Die Begriffe »Ende« und »[[g:Geschichte]]« stehen in einem Spannungsverhältnis. »Ende« führt auf das griechische τέλος und das lateinische //finis, //die beide eine lange philosophische Tradition von Aristoteles über Hegel bis zu den Gegenwartsphilosophen haben und »Vollendung, Erfüllung« oder auch »Grenze«, »Schranke« oder »Ziel« bedeuten. »Ende« ist das Ergebnis eines Prozesses, seine Vollendung, aber auch seine Grenze, sein Horizont. »Ende« steht ferner für »Zweck, Absicht, Intention«. So unterscheidet Aristoteles in seiner Ursachenlehre in der //Metaphysik //die Wirk- von der Zweckursache und spricht in der //Nikomachischen Ethik //vom τέλος als dem Vorsatz oder der Intention. – Der Begriff der Geschichte hat im Laufe der Zeit zahlreiche Bedeutungen angenommen, u.a. als Naturgeschichte, menschliche Geschichte, Wissenschafts- oder <!--[-->[[k:Kultur|Kultur]]<!--]-->geschichte, Philosophie- und Politikgeschichte. Hegel unterscheidet in //PhilGesch //zwischen einer pragmatischen Geschichte, die sich auf die empirisch festgestellten Begebenheiten bezieht, und der philosophischen Geschichte oder [[g:Geschichtsphilosophie]], die die in diesen Begebenheiten herrschende Vernunft aufdeckt. »Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an, beides ist in Wechselbestimmung.« (...) – Marx und Engels begründen in //DI //den Unterschied zwischen der realen Geschichte, die von den Menschen objektiv gemacht wird (ob mit oder ohne Bewusstsein davon), und der wissenschaftlichen Erklärung der Geschichte. Dabei hat »wissenschaftlich« eine spezielle Bedeutung, insofern der Begriff, wie Manuel Sacristán gezeigt hat, eine kritische Überwindung dessen impliziert, was man im 19. Jh. und in angelsächsischer Tradition unter »science« verstand, sowie der junghegelianischen <!--[-->[[k:Kritik|Kritik]]<!--]-->- und der hegelschen Wissenschaftsauffassung. In Abhängigkeit von der philosophischen [[i:Interpretation]] von Geschichte kann das EdG verstanden werden als der Sinn, den die a posteriori erklärte Geschichte annimmt (wie bei Hegel); als eine Voraussicht in die Zukunft (wie in den klassischen Geschichtsphilosophien oder den Eschatologien der jüdisch-christlichen Tradition); und als das Ende oder Ablaufen einer historischen Etappe oder Periode. Einem weiteren Sinn von Philosophiegeschichte verleiht Walter Benjamin Ausdruck in seinen Thesen //Über den Begriff der Geschichte. //Paul Klees //Angelus Novus //interpretiert er als den Engel der Geschichte, der sein Antlitz rückwärts wendet und bestürzt auf die sich ständig weiter aufhäufenden Trümmer in der Vergangenheit blickt, aus deren Ferne vom Paradies her ein Sturm weht. »Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den [[f:Fortschritt]] nennen, ist dieser Sturm.« (...) Hier geht es darum, durch eine Wiederaneignung der historischen [[e:Erinnerung]], die vom gegenwärtigen Augenblick und von einer Vision, die den Unterdrückten gerecht wird, ihren Ausgang nimmt, zu einem neuen Begriff der Geschichte zu gelangen. +Die Begriffe »Ende« und »[[g:Geschichte]]« stehen in einem Spannungsverhältnis. »Ende« führt auf das griechische τέλος und das lateinische //finis, //die beide eine lange philosophische Tradition von Aristoteles über Hegel bis zu den Gegenwartsphilosophen haben und »Vollendung, Erfüllung« oder auch »Grenze«, »Schranke« oder »Ziel« bedeuten. »Ende« ist das Ergebnis eines Prozesses, seine Vollendung, aber auch seine Grenze, sein Horizont. »Ende« steht ferner für »Zweck, Absicht, Intention«. So unterscheidet Aristoteles in seiner Ursachenlehre in der //<!--[-->[[m:Metaphysik|Metaphysik]]<!--]--> //die Wirk- von der Zweckursache und spricht in der //Nikomachischen Ethik //vom τέλος als dem Vorsatz oder der Intention. – Der Begriff der Geschichte hat im Laufe der Zeit zahlreiche Bedeutungen angenommen, u.a. als Naturgeschichte, menschliche Geschichte, Wissenschafts- oder <!--[-->[[k:Kultur|Kultur]]<!--]-->geschichte, Philosophie- und Politikgeschichte. Hegel unterscheidet in //PhilGesch //zwischen einer pragmatischen Geschichte, die sich auf die empirisch festgestellten Begebenheiten bezieht, und der philosophischen Geschichte oder [[g:Geschichtsphilosophie]], die die in diesen Begebenheiten herrschende Vernunft aufdeckt. »Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an, beides ist in Wechselbestimmung.« (...) – Marx und Engels begründen in //DI //den Unterschied zwischen der realen Geschichte, die von den Menschen objektiv gemacht wird (ob mit oder ohne Bewusstsein davon), und der wissenschaftlichen Erklärung der Geschichte. Dabei hat »wissenschaftlich« eine spezielle Bedeutung, insofern der Begriff, wie Manuel Sacristán gezeigt hat, eine kritische Überwindung dessen impliziert, was man im 19. Jh. und in angelsächsischer Tradition unter »science« verstand, sowie der junghegelianischen <!--[-->[[k:Kritik|Kritik]]<!--]-->- und der hegelschen Wissenschaftsauffassung. In Abhängigkeit von der philosophischen [[i:Interpretation]] von Geschichte kann das EdG verstanden werden als der Sinn, den die a posteriori erklärte Geschichte annimmt (wie bei Hegel); als eine Voraussicht in die Zukunft (wie in den klassischen Geschichtsphilosophien oder den Eschatologien der jüdisch-christlichen Tradition); und als das Ende oder Ablaufen einer historischen Etappe oder Periode. Einem weiteren Sinn von Philosophiegeschichte verleiht Walter Benjamin Ausdruck in seinen Thesen //Über den Begriff der Geschichte. //Paul Klees //Angelus Novus //interpretiert er als den Engel der Geschichte, der sein Antlitz rückwärts wendet und bestürzt auf die sich ständig weiter aufhäufenden Trümmer in der Vergangenheit blickt, aus deren Ferne vom Paradies her ein Sturm weht. »Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den [[f:Fortschritt]] nennen, ist dieser Sturm.« (...) Hier geht es darum, durch eine Wiederaneignung der historischen [[e:Erinnerung]], die vom gegenwärtigen Augenblick und von einer Vision, die den Unterdrückten gerecht wird, ihren Ausgang nimmt, zu einem neuen Begriff der Geschichte zu gelangen. 
  
 Seit der zweiten Hälfte des 20. Jh. taucht die Rede vom »Ende« in verschiedenen Zusammenhängen auf: als »Ende der Ideologien« (Bell 1960), um den Beginn einer neuen Ära der Technologien zu bezeichnen, in der die Ideologien, wie man annahm, verschwinden würden – während in Wirklichkeit eine neue Ideologie formuliert wurde; die »technokratische« oder die Ideologie der »instrumentellen Vernunft« (Horkheimer/Adorno 1947); weiter als »EdG«, als »Ende des Marxismus«, als »Ende der Philosophie«, schließlich als »Ende des Menschen« bzw. als Rede vom »letzten Menschen«. Wie Jacques Derrida bemerkt, waren diese eschatologischen Themen »in den fünfziger Jahren [...] unser tägliches  Brot« (1995), und Hegel, Marx, Nietzsche und Heidegger waren ihre Klassiker.  Seit der zweiten Hälfte des 20. Jh. taucht die Rede vom »Ende« in verschiedenen Zusammenhängen auf: als »Ende der Ideologien« (Bell 1960), um den Beginn einer neuen Ära der Technologien zu bezeichnen, in der die Ideologien, wie man annahm, verschwinden würden – während in Wirklichkeit eine neue Ideologie formuliert wurde; die »technokratische« oder die Ideologie der »instrumentellen Vernunft« (Horkheimer/Adorno 1947); weiter als »EdG«, als »Ende des Marxismus«, als »Ende der Philosophie«, schließlich als »Ende des Menschen« bzw. als Rede vom »letzten Menschen«. Wie Jacques Derrida bemerkt, waren diese eschatologischen Themen »in den fünfziger Jahren [...] unser tägliches  Brot« (1995), und Hegel, Marx, Nietzsche und Heidegger waren ihre Klassiker. 

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e/ende_der_geschichte.1428485739.txt.gz · Zuletzt geändert: 2015/04/08 11:35 von christian     Nach oben
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