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d:dispositiv [2012/10/24 23:04]
christian
d:dispositiv [2015/03/26 23:07] (aktuell)
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-Wiedergabe des frz. Terms //dispositif// (von lat. //dispono,// disponieren, Georges übersetzt: »an verschiedenen Punkten aufstellen«; //dispositio,// militärischer Aufmarsch, taktische Aufstellung, Einrichtung, Verfügung, Anordnung). Michel Foucault bringt mit diesem Begriff in seiner //Geschichte der Sexualität// (1977) die Kritik an der »Repressionshypothese« auf den Begriff, die in kritisch gewendetem Anschluß an Freud das Verhältnis von Sexualität und [[h:Herrschaft]] als ein antagonistisches auffaßt. Als D bezeichnet Foucault nun eine Verfügungsstruktur von [[i:Institution]]en, Praktiken und Diskursen, in denen sich in der [[b:bürgerliche Gesellschaft|bürgerlichen Gesellschaft]] »Sexualität« konstituiert. Sexualunterdrückung ist nach dieser Vorstellung der Sexualität nicht entgegengesetzt, sondern eines ihrer konstitutiven Elemente. Das erinnert an Freuds Bild vom Staudamm, der die Triebenergie gerade dadurch steigert, daß er sie zurückdrängt. Gegen die in der Studentenbewegung der späten 1960er Jahre virulente Orientierung einer Sexualbefreiung, die Ideen Wilhelm Reichs und der »Sexpol«-Bewegung aufgenommen hatte, argumentierte Foucault: Indem Sexualität ein Effekt eines Herrschaftsmechanismus ist, komme es nicht darauf an, sie zu befreien, sondern das Sexualitäts-D selbst zu verändern. Die hier angedeutete Perspektive einer Wiederbelebung antiker Lehrer-Schüler-Beziehungen blieb dabei freilich verschwommen und unpraktisch.+Wiedergabe des frz. Terms //dispositif// (von lat. //dispono,// disponieren, Georges übersetzt: »an verschiedenen Punkten aufstellen«; //dispositio,// militärischer Aufmarsch, taktische Aufstellung, Einrichtung, Verfügung, Anordnung). Michel Foucault bringt mit diesem Begriff in seiner //Geschichte der Sexualität// (1977) die <!--[-->[[k:Kritik|Kritik]]<!--]--> an der »Repressionshypothese« auf den Begriff, die in kritisch gewendetem Anschluß an Freud das Verhältnis von Sexualität und [[h:Herrschaft]] als ein antagonistisches auffaßt. Als D bezeichnet Foucault nun eine Verfügungsstruktur von [[i:Institution]]en, Praktiken und Diskursen, in denen sich in der [[b:bürgerliche Gesellschaft|bürgerlichen Gesellschaft]] »Sexualität« konstituiert. Sexualunterdrückung ist nach dieser Vorstellung der Sexualität nicht entgegengesetzt, sondern eines ihrer konstitutiven Elemente. Das erinnert an Freuds Bild vom Staudamm, der die Triebenergie gerade dadurch steigert, daß er sie zurückdrängt. Gegen die in der Studentenbewegung der späten 1960er Jahre virulente Orientierung einer Sexualbefreiung, die Ideen Wilhelm Reichs und der »Sexpol«-Bewegung aufgenommen hatte, argumentierte Foucault: Indem Sexualität ein Effekt eines Herrschaftsmechanismus ist, komme es nicht darauf an, sie zu befreien, sondern das Sexualitäts-D selbst zu verändern. Die hier angedeutete Perspektive einer Wiederbelebung antiker Lehrer-Schüler-Beziehungen blieb dabei freilich verschwommen und unpraktisch.
  
-Das Theorem des Sexualitäts-D wurde gleichwohl zur produktivsten theoretischen Herausforderung der von der Psychoanalyse beeinflußten Denkweisen. In [[d:Diskurstheorie|Diskurs-]] und [[i:Ideologietheorie|Ideologie-Theorie]], in der marxistischen Staatstheorie und im theoretischen [[f:Feminismus]] hat Foucaults Theorem z.T. gegensätzlich motivierte Anknüpfungen erfahren. Der Anschluß an marxistische Fragestellungen erfolgte vor allem unter drei Aspekten: Zum einen wendet sich der Begriff gegen eine ›naturalisierende‹ Auffassung des Gegenstands: »›Sexualität‹ ist der Name, den man einem geschichtlichen Dispositiv gegeben hat.« (Foucault 1977) Zum anderen rückt er Formen des Widerstands, die sich in den Strukturen selbst bewegen und deren ›Macht‹ noch befestigen, in ein kritisches Licht und macht sie von Widerstandsformen unterscheidbar, die sich auf die Machtstrukturen selbst richten. Forschungspraktisch orientiert die Frage des D schließlich darauf, »[[i:innen/außen|von außen nach innen]]« vorzugehen (PIT 1979), von einem ›äußeren‹ Ensemble ausgehend die Effekte zu studieren, die sich in einer »illusorischen [[i:Innerlichkeit]]« äußern, »anstatt von einer erscheinenden Äußerlichkeit zu einem ›Wesenskern der Innerlichkeit‹ überzugehen« (Deleuze 1986). Gemäß der anti-essentialistischen Intention denkt Foucault die Elemente des D als verknüpft zu »einem großen Oberflächennetz« (1977). In der [[f:Faschismustheorie|Faschismusforschung]] bedeutet dies, die spezifisch faschistische Qualität »nicht in den Elementen, sondern in ihrer Gliederung« bzw. Artikulation zu fassen (PIT 1980, I). »Die strategische Dimension in Theorie und Praxis betrifft folglich die //[[a:Artikulation, Gliederung|Gliederung]]// des Ensembles der gesellschaftlichen Beziehungen und Gebilde, ihre Anordnung, das faschistische D« (Haug 1986). +Das Theorem des Sexualitäts-D wurde gleichwohl zur produktivsten theoretischen Herausforderung der von der Psychoanalyse beeinflußten Denkweisen. In [[d:Diskurstheorie|Diskurs-]] und [[i:Ideologietheorie|Ideologie-Theorie]], in der marxistischen Staatstheorie und im theoretischen [[f:Feminismus]] hat Foucaults Theorem z.T. gegensätzlich motivierte Anknüpfungen erfahren. Der Anschluß an marxistische Fragestellungen erfolgte vor allem unter drei Aspekten: Zum einen wendet sich der Begriff gegen eine ›naturalisierende‹ Auffassung des Gegenstands: »›Sexualität‹ ist der Name, den man einem geschichtlichen Dispositiv gegeben hat.« (Foucault 1977) Zum anderen rückt er Formen des Widerstands, die sich in den Strukturen selbst bewegen und deren ›<!--[-->[[m:Macht|Macht]]<!--]-->‹ noch befestigen, in ein kritisches Licht und macht sie von Widerstandsformen unterscheidbar, die sich auf die Machtstrukturen selbst richten. Forschungspraktisch orientiert die Frage des D schließlich darauf, »[[i:innen/außen|von außen nach innen]]« vorzugehen (PIT 1979), von einem ›äußeren‹ Ensemble ausgehend die Effekte zu studieren, die sich in einer »illusorischen [[i:Innerlichkeit]]« äußern, »anstatt von einer erscheinenden Äußerlichkeit zu einem ›Wesenskern der Innerlichkeit‹ überzugehen« (Deleuze 1986). Gemäß der anti-essentialistischen Intention denkt Foucault die Elemente des D als verknüpft zu »einem großen Oberflächennetz« (1977). In der [[f:Faschismustheorie|Faschismusforschung]] bedeutet dies, die spezifisch faschistische Qualität »nicht in den Elementen, sondern in ihrer Gliederung« bzw. Artikulation zu fassen (PIT 1980, I). »Die strategische Dimension in Theorie und Praxis betrifft folglich die //[[a:Artikulation, Gliederung|Gliederung]]// des Ensembles der gesellschaftlichen Beziehungen und Gebilde, ihre Anordnung, das faschistische D« (Haug 1986). 
    
  
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d/dispositiv.1351112674.txt.gz · Zuletzt geändert: 2012/10/24 23:04 von christian     Nach oben
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