Listen, H. 13, 1988

Wieland Elfferding

30 Jahre ein Argument? Portrait der Zeitschrift

 

Früher war es einfach so: Theoretische Innovation in der Linken, Artikel zu Grundsatzfragen, sauberes Arbeiten mit Begriffen — das findest du im ARGUMENT. Nicht: „Früher war alles besser'', aber irgendwie hat sich die Haltung der ARGUMENTmacherInnen schleichend verändert. Winziges-gar-nicht-so-winziges Beispiel: „hochtechnologische Produktionsweise" lese ich immer wieder in der Zeitschrift. Da will offenbar einer einen neuen Begriff lancieren. „Produktionsweise", ja. das ist wirklich ein Begriff. Aber „hochtechnologische"? Ein bloßes Wort, das zudeckt, daß der Zusammenhang von Automaten, EDV und neuen Medien in einer neuen Produktionsweise erst noch analysiert und erklärt werden muß.

Dabei ist DAS ARGUMENT, neben PROKLA und kultuRRevolution nach wie vor die einzige Zeitschrift, die an dem Anspruch materialistischer Theorieproduktion festhält. DAS ARGUMENT soll, so steht es im „ARGUMENT-Konzept", „zur Entwicklung der theoretischen Kultur einer Linken beitragen, die sich in der Arbeiterbewegung und der kritischen Universität, den Kräften der Frauenbefreiung, der ökologischen Umgestaltung, der Kultur-von-unten und der Friedensbewegung verankert. Dabei orientieren wir uns am Ziel eines erneuerten sozialistischen Projekts, in dem diese Bewegungen sich aneinanderlagern."

Der politische Anspruch begleitet DAS ARGUMENT von Anbeginn. Entstanden 1959 als Kommunikationsmittel eines Berliner Studentenclubs, des Argument-Clubs,[1] anläßlich der Auseinandersetzungen um die drohende Atombewaffnung, mauserte sich das Flugblatt bald zu einem oppositionellen Forum linksliberaler Intellektueller. Noch Mitte der 60er Jahre figurierten in der ständigen Herausgeberschaft Namen wie Margherita von Brentano, Axel Eggebrecht, Ossip Flechtheim, Probst Grüber, Jacob Taubes und Wilhelm Weischedel. DAS ARGUMENT konnte einen vorgeschobenen Posten einer breiten kritischen Intelligenzija besetzen, indem es Fragen aufwarf, die für sie selbst eine Herausforderung darstellten: Faschismus-Theorien, Probleme der Entwicklungsländer, Sexualität und Herrschaft und später, nach dem berühmten Heft 50 „Kritik der bürgerlichen Sozialwissenschaften", verstärkt Fragen der marxistischen Theorie.

Als DAS ARGUMENT sich dem Marxismus zuwandte und die Anhänger der in der Neuen Linken noch einflußreichen Kritischen Theorie — als angebliche Nicht-Marxisten — abgespalten wurden, erreichte die Zeitschrift, auf den Schultern der 68er-Bewegung Höchstauflagen. Zu diesem Zeitpunkt war der antiautoritäre Teil der Bewegung mit Dutschke u.a. längst aus dem ARGUMENT ausgeschlossen. DAS ARGUMENT rückte näher an diejenige Linke. die sich später „gewerkschaftlich orientiert" und prägte sie mit. Unbemerkt durch den großen Erfolg in der neuen Bewegung verlor DAS ARGUMENT einen Großteil der linksliberalen Anhängerschaft aus den sechziger Jahren. Es war die Phase, von der Wolfgang Abendroth sagte, DAS ARGUMENT habe zur „Verwissenschaftlichung der Bewegung" beigetragen — mit allem, füge ich hinzu, was an Abschneiden von Fragestellungen und Impulsen zu einer solchen Verwissenschaftlichung dazugehört.

DAS ARGUMENT hatte seit der Studentenbewegung etwa alle zehn Jahre eine Krise, die gewöhnlich durch Abspaltung und Frontbegradigung gelöst wurde. Mitte der siebziger Jahre verließen die Leute um Friedrich Tomberg die Redaktion; danach setzten die Herausgeber eurokommunistische Diskussionslinien und anschließend die (für Deutschland verspätete) Rezeption der internationalen Neuentwicklungen im Marxismus durch. Darauf folgte die zweite Phase der Auseinandersetzung mit dem DKP-Lager, die in einem öffentlichen Zerwürfnis endete. Eine entscheidende Rolle spielte in  diesen Auseinandersetzungen die Hinwendung zu Fragen der Neuen Sozialen Bewegungen, die in der 1981 gegründeten autonomen Frauenredaktion sichtbare Gestalt annahm. Hier gingen selbst die Abendroths auf Distanz zum ARGUMENT, weil auch sie die Existenz einer Frauenredaktion als Abwendung von den Fragen der Arbeiterbewegung und des Sozialismus mißdeuteten. Das Experiment „autonome Frauenredaktion" innerhalb einer gemischtgeschlechtlichen Zeitschrift zielte darauf, in der Bundesrepublik eine eigene marxistisch-feministische Linie zu begründen und eine traditionell männerorientierte Zeitschrift der Linken umzubauen. Nach meinem Eindruck ist dieser zweite Plan liegengeblieben: die Produktionen der Frauenredaktion bauen auf wichtigen Teilen des ARGUMENT-Marxismus auf: umgekehrt sind aber die marxistischen Positionen von der Arbeit der Frauenredaktion kaum berührt.

Was nach der einen Seite Spaltungsgeschichte, ist nach der anderen Seite, in ein- und demselben politischen Gebiet, Kampf um intellektuelle Hegemonie: DAS ARGUMENT wirbt seit den ausgehenden 70er Jahren immer deutlicher für einen innerlinken Pluralismus von Links-SPD, Feministinnen, Grünen und Ex-DKPlern mit deutlicher Dominanz der gewerkschaftlich-orientierten — und das heißt seit dem Schisma mit der DKP — SPD-Positionen. In dem Maße, wie die politische Kultur der DKP zerfällt, die SPD ihre Berufsverbotspolitik vergessen machen kann, und sich ein reformistischer Flügel der Grünen herausgebildet hat, rechnet sich DAS ARGUMENT Chancen für eine erneuerte Einflußsphäre in einer rekonsolidierten Linken aus.

Die politischen Anfeindungen von außen hatten im ARGUMENT selbst einen Politisierungseffekt. Nicht gern gelitten ist, was sich der erklärten Linksblockpolitik nicht fügt. Die zu Beginn der 80er Jahre stürmischen Erneuerungen marxistischer Positionen sind angesichts der Angriffe von außen eingefroren worden. Jetzt scheint Konsolidierung angesagt, wie sie in einem groß-angelegten marxistischen Begriffslexikon sinnfällige Gestalt annimmt. Wer, wie ich selbst, gemeinsam mit anderen bis Anfang 1987, die Öffnung des ARGUMENTS gegenüber neuen Denkströmungen der Linken weiterführen wollte, hatte schlechte Karten. Die Herausgeber suchen, wie sich an den Editorials und an der Themenwahl ablesen läßt, die Lösung der letzten Krise des ARGUMENTS u.a. in einem Politisierungsschub. Die Frauenredaktion verstärkt wohl ihre Bemühungen, ihrem Verständnis von Marxismus-Feminismus eine internationale politische Form zu geben. Die Zeitschrift soll sich an einem rot-grünen Bündnis orientieren (Editorial zu Heft 161) — und jetzt offenbar an Gorbatschow (vgl. ARGUMENT 170, Projekt Perestrojka). Aktualisiert wird dieser erneute inhaltliche Umbau des ARGUMENTS in diesem Heft. Offensiv fragen die ARGUMENTmacher: An welcher Art Gesellschaft bauen diese Perestrojkaleute? Werden die das Land. wie es Jugoslawien droht, auf den westlichen Ausverkaufstisch bugsieren, oder können sie beweisen, daß der Sowjetsozialismus der Welt doch noch eine sozialistische Melodie vorspielen kann? Das Heft gibt einige interessante Aufschlüsse darüber. Aber warum gibt es in diesem Heft, das hier nur als Beispiel dient, nicht einen einzigen Aufsatz zum Themenschwerpunkt, der sich auf der Basis tiefer Kenntnisse der Sowjetunion zu theoretischer Verallgemeinerung aufschwingt — eben den Beitrag, den man gelesen haben muß, um „auf dem Stand" zu sein? Können solche Beiträge heute nicht mehr geschrieben werden? Oder liegt es daran, daß die wirklichen Osteuropa-Kenner in der KOMMUNE, im OSTEUROPA-INFO oder im Umkreis der DKP publizieren?

DAS ARGUMENT sucht seinen Platz in den veränderten Verhältnissen der bundesrepublikanischen Linken. er Verlag ist vor zwei Jahren von Berlin nach Hamburg umgezogen und produziert gut gemachte Bücher, die, wie man hören kann, den Buchhändlern zeigen, daß vom ARGUMENT nicht nur Trockenfutter des Geistes kommt. Ein Buch zur Verschuldungskrise, eines über Hans-Werner Henzes Musik, ein Kultur- und Reiseführer durch Griechenland: eine Frauenkrimireihe wird  zum Herbst eröffnet. Zwischendurch in der Zeitschrift immer wieder die Grautöne angestrengter Übersetzung der Innenmoral des ARGUMENT in Außenwirkung: gegen „die Moden", gegen den „Postmarxismus", gegen die „taz" und eben gegen so manches, was viele interessant finden.

Aber es ist ja auch nicht leicht. Wie soll man marxistisch denken und schreiben in einer Zeit, in der viele Alte der Neuen Linken längst zum Softdenken übergegangen und ins Feuilleton abgewandert sind? Wie soll man sich als intellektueller Zirkel politisch orientieren in einer Zeit, in der Peter Glotz schon wieder aus der Baracke verschwunden ist und von der grünen Seite einfach kein stabiles Interesse an Theoriekultur herüberwachsen will?

Kurzum — jede Linke hat das ARGUMENT, das ihr gebührt. Doch halt, nun droht die Rezension gänzlich zum Narzissengeburtstagsstrauß zu werden. Ist doch DAS ARGUMENT immer noch unter den, na sagen wir: fünf besten radikalen Zeitschriften im Lande. Ich beginne DAS ARGUMENT meist von der letzten Seite her zu lesen. Da steht nämlich der gut gegliederte und zunehmend aktuelle Rezensionsteil. Überhaupt — DAS ARGUMENT sollte zum 30. Jahr ein Denkmal stiften, ein Denkmal des unbekannten Rezensenten, der Jahr uni Jahr fürs ARGUMENT gelesen und selbstlos-honorarlos geschrieben hat. Das ist nämlich eine Seite, die für die meisten Aktivistinnen des ARGUMENT den nach außen ein wenig aufgeblasen wirkenden Projektbegriff mit Leben und praktischem Sinn füllt: die Schreib- und Lernschule, die DAS ARGUMENT, vor allem in der Person ihrer beiden Herausgeber, für immer neue Generationen darstellt.

Und für die radikal denkenden im Lande wäre zu wünschen, daß die kleine Öffnung für Neues, die sich von der Verlagsseite aus anzudeuten scheint, größer wird, so daß hier fundamentalökologisches und feministisches, psychoanalytisches und diskursphilosophisches Denken in einen fruchtbaren Dialog mit dem ARGUMENT-Marxismus eintreten könnte, wenn es dann die andern nur wollten.



[1] Der Argument-Klub wurde erst später gegründet. Die Zeitschrift entwickelte sich aus der Flugblattreihe der Berliner Studentengruppen gegen Atomrüstung. (Anm. InkriT 2008)