Manfred Buhr, Erich Wulff und Helmut Ridder Monopolmarxismus? Eine Exkommunikation und zwei Antworten[1] Vorbemerkung Manfred Buhr, einer der drei höchstgestellten Philosophen der DDR, benützte die offizielle Tribüne der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zum Bannfluch gegen den Diskussionszusammenhang um diese Zeitschrift. Wenn wir Marxisten zu sein beanspruchten, so deshalb, sagt Buhr, weil der Siegeszug des Sozialismus die Bourgeoisie zu dem Versuch zwingt, Marx, den sie nicht länger unterdrücken kann, zu vereinnahmen. Die Agenten der Bourgeoisie auf diesem Feld, das sind unter anderem wir. Falls Buhr, wie anzunehmen, eine Strategie verfolgt, kann es nur die sein, Diskussionszusammenhänge zu zerreißen, Zusammenarbeit zu verunmöglichen. Indem er uns aus dem Marxismus ausbürgert, will er womöglich ein Berührungsverbot durchsetzen, das diejenigen, die sich solidarisch in unsere Diskussion einlassen, mit ebensolcher Ausbürgerung bedroht. Wir dokumentieren Buhrs Artikel im Auszug der wesentlichen Stellen. Erich Wulff versucht in einer ersten kritischen Einschätzung, ein Stück politischer Kultur zu verteidigen. Weitere Interventionen sind angekündigt. Erich Wulff hält es nicht für ausgeschlossen, dass Buhr mit diesem Angriff seine amtlichen Kompetenzen überzogen hat. Buhr ist Herausgeber des auf »marxistisch-leninistischer Grundlage« erstellten Philosophischen Wörterbuchs. Vielleicht zielte die Anschwärzung auf die »Konkurrenz«, die seinem Unternehmen durch das Kritische Wörterbuch des Marxismus droht. Zwar werden zweifellos die meisten Leser beide Nachschlagewerke künftig nebeneinander benutzen; aber mit der bisherigen Monopolstellung von Buhr/Klaus wird es vorbei sein.W.F.H. Manfred Buhr Zusammenfassung und auszugsweise Dokumentation eines Artikels von Manfred Buhr, »Die Lehre von Marx und die bürgerliche Ideologie der Gegenwart«, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 6/1983, 654-662. Buhrs Aufsatz ist in drei Teile gegliedert. Im ersten verfolgt er »das Elend der Beschäftigung der bürgerlichen Ideologie mit Marx und seinem Werk«. Er konstatiert einen »Wandel ..., der einem Kniefall gleichkommt«, was sich freilich nicht »besserer Einsicht« verdanke. »Im Gegenteil. Marx war von Anbeginn an das schlechte Gewissen der bürgerlichen Ideologie — und er ist es noch.« »Versuchte die bürgerliche Ideologie, Marx zunächst ganz einfach zu töten, so versucht sie ihn nunmehr seit einigen Jahrzehnten — und heute mehr denn je — zu vereinnahmen, zu umarmen, zu einem der ihren hochzustilisieren. In diesem Prozess ... kommt ein Marx ohne welthistorische Folgen heraus, das heißt: ein Marx ohne sozialistische Revolution und ohne marxistisch-leninistische Partei, ein Marx, dem pluralistische Kleider angeheftet sind.« Um zu verdeutlichen, was er meint, zitiert Buhr — »wahllos herausgegriffen und zum Exempel« — die Antwort von W.F. Haug auf eine Marx-Umfrage des DKP-nahen »Instituts für marxistische Studien und Forschungen« (IMSF) (veröffentlicht in dessen Band zum 100. Todestag von Marx: »... einen großen Hebel der Geschichte«, Frankfurt/M. 1982, 359ff.):[2] »Auf neue Art ist die Auseinandersetzung mit dem Werk von Karl Marx heute, hundert Jahre nach seinem Tod, notwendiger denn je.« »Alles Marxistische muss diesem Ziel dienen: Selbstvergesellschaftung der assoziierten Produzenten.« Buhrs Kommentar: »Im Klartext: Weg mit dem sozialistischen Staat, vor allem aber mit der marxistisch-leninistischen Partei und ihren überholten Parolen, wie etwa der Lehre von den Klassen und dem Klassenkampf. Denn [nun wieder Zitat Haug]: 'Den Marxismus gibt es nicht, es gibt Marxismen. Der Marxismus existiert in der Mehrzahl.' Und: 'Der Marxismus kann nicht nur Sache einer Partei, auch nicht von Parteien sein.'« Wiederum Buhr: »Als Ersatz für den auf solche Art entmannten Marx und für alle Bestätigung der Lehre von Marx durch die Geschichte der letzten hundert Jahre, die primär mit dem Wirken der revolutionären Arbeiterklasse unter Führung der marxistisch-leninistischen Partei zusammenhängen, ohne diese nicht zu denken sind und ohne diese nicht stattgefunden hätten, wird das leere, nichtssagende, zu nichts verpflichtende und vom weltgeschichtlichen Prozess her gesehen für die revolutionäre Arbeiterklasse selbstmörderische, vom Blick der Bourgeoisie her gesehen heuchlerische Angebot einer [Zitat Haug] 'ökumenischen Haltung' offeriert. Es wird nicht mehr und nicht weniger als die Selbstaufgabe und die Kapitulation der revolutionären Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei vor der imperialistischen Bourgeoisie und ihrer Ideologie gepredigt und verlangt ... Das Marxsche Werk und seine reale Wirkung sind in unserer Zeit so stark, so weltweit, dass seine Gegner gezwungen sind, sich der Kleider von Marx zu bemächtigen, um überhaupt bestehen zu können. Aber so wie der Rock noch nicht den Mann und die Bluse noch nicht die Frau ausmachen, sondern das, was darin ist, so machen auch Marxens Kleider noch nicht die weltgeschichtliche Größe Marx' aus. In Sachen Marx gibt die bürgerliche Ideologie Verkleidung und Maske für Wirkung aus, um diese wirkungslos zu machen, sie bestenfalls zu intellektuellem Geschwätz, das ohne Wirkung bleibt und bleiben soll, werden zu lassen. Brüder vereinigt euch! — aber bitte nicht als Kampfbund Gleichgesinnter, das gehört sich nicht, sondern nur als marxistische Ökumene. Und: Lasst doch bitte den Marxismus sein, denn es gibt nur Marxismen. Um das Singuläre, das Marx heißt, aus der Welt zu schaffen, wird für den Marxismus der Singular abgeschafft, für diesen gibt es nur den Plural.« Buhr sieht hierin ein »entscheidendes Thema bürgerlicher Ideologieproduktion der letzten Jahrzehnte«: sie versuche, die Krise des Imperialismus in eine allgemein-menschliche umzudeuten und den Marxismus-Leninismus in die Krisen- und Verfallsdynamik der imperialistischen Ideologie zu integrieren, um ihn als Alternative zum Imperialismus auszuschalten. »Die bürgerliche Ideologie bezieht die Weltanschauung des Marxismus-Leninismus in ihren Aktionsradius ein und betrachtet diesen mit den Kategorien ihrer eigenen Krise. Nur von hier aus ist die Flut der in den letzten Jahren entstandenen und innerhalb der imperialistischen Ideologie geduldeten und geförderten 'Marxismen' und 'Neo-Marxismen' zu begreifen, die als lebensphilosophische (existenzialistische, anthropologische, praxisphilosophische, 'kritische') oder positivistische (szientistische, kritisch-rationalistische, strukturalistische) Marxismus-Varianten das Licht der Welt erblickten.« Im zweiten Teil versucht Buhr, die »gegenwärtige bürgerliche Ideologie« seit Ende der sechziger Jahre näher zu charakterisieren, um im dritten Teil ideologiepolitische Schlussfolgerungen zu ziehen: »Ideologischer Klassenkampf ist eine internationalistische Angelegenheit, eine Sache des proletarischen Internationalismus. Er kann niemals die Sache bloß eines Landes oder bloß einer Partei sein. Deshalb müssen die Erfahrungen, die Erfolge und auch die Misserfolge, das Allgemeine und das Spezifische aller kommunistischen und Arbeiterparteien in unsere Bemühungen um die weltweite Offensive des Marxismus-Leninismus gegen die bürgerliche Ideologie einfließen. Vereinzelt, einzeln oder parzelliert sind wir nichts, zusammen, vereint, gemeinsam aber sind wir alles, nämlich —welthistorisch betrachtet — Unschlagbar. Das aber impliziert, dass wir uns gegenseitig zur Kenntnis nehmen, uns aufeinander beziehen, voneinander lernen, gegenseitig respektieren und — wenn es sein muss — auch kritisieren. Wenn dies nicht schon von den Grundprinzipien des Marxismus-Leninismus her einsichtig und aufgegeben wäre, unsere Gegner stoßen uns mit der Nase auf solches Vorgehen. Denn wenn es um Antikommunismus und Antisowjetismus geht, dann ist es mit dem vielgepriesenen Pluralismus und der sogenannten Meinungsfreiheit innerhalb des Imperialismus vorbei, dann kommt es zu einer 'Heiligen Allianz' aller pluralen Kräfte des imperialistischen Systems. In dieser Frage gibt es eine stumme Einigkeit und Einheitlichkeit zwischen Konservativen und Liberalen, Sozialreformisten und sogenannten Linken, vermeintlich theoretisierenden Freischwebenden und der von sich reden machenden ideologietreibenden Gironde, zu deutsch: dem ideologischen Sumpf. Gerade in diesem Zusammenhang führt es m.E. zu Fehleinschätzungen bzw. ungewollten Wirkungen, wenn Erscheinungen des — jedenfalls für uns — ideologischen Sumpfes 'beträchtliche Wirkung' bescheinigt wird. Wenn jüngst geschrieben worden ist [hier bezieht sich Buhr auf einen Aufsatz von Th. Metscher und R. Steigerwald, »Zu den Kontroversen über Ideologie und Ideologietheorie«, in demselben Band, in dem auch Haugs Beitrag publiziert ist]: 'Von beträchtlicher Wirkung in der gegenwärtigen westdeutschen und Westberliner Diskussion ist der ideologietheoretische Ansatz des Projekts Ideologie-Theorie, der zunächst von Wolfgang Fritz Haug ... skizziert wurde', so ist das — zumindest — unglücklich formuliert. Wir bezweifeln entschieden die 'beträchtliche Wirkung', und zwar auch, wenn man diese nur für die BRD und Westberlin gelten lassen will. Wir sollten vermeiden, Partikularitäten die Würde des Allgemeinen zu verleihen. Und: Was heißt in diesem Zusammenhang 'zunächst von Wolfgang Fritz Haug'? Korrekt ist es doch so, dass man die wenigen diskutablen Ideen des 'Projekts Ideologie-Theorie' bei Karl Mannheim oder Helmuth Plessner besser, mit Belehrung und auch mit Gewinn nachlesen kann und nachlesen sollte. Wir sprechen uns also gegen Überhöhungen von Zufälligkeiten aus. 'Ideologie' ist eine zu ernste Sache, als dass man sie den Ideologen -- in unserem Falle sogar elitären Ideologen — allein überlassen darf. Es sollte generell festgehalten werden: Ideologische Auseinandersetzung schließt immer ein die Zurückführung der verschiedenen Richtungen und Strömungen der imperialistischen Ideologie auf ihre weltanschaulichen Voraussetzungen. Deshalb müssen wir einen bürgerlichen Ökonomen nicht nur von der Ökonomie her, einen bürgerlichen Philosophen nicht nur von der Philosophie her (für alle anderen Wissenschaften gilt dasselbe) und von dem, was er von sich selber sagt, kritisieren, sondern von den weltanschaulichen Voraussetzungen und den gesellschaftlichen Realitäten her. Die ideologische Auseinandersetzung muss auf der Grundlage der marxistisch-leninistischen Parteilichkeit in ihrer ganzen historischen Dimension betrieben werden. Denn nur so können wir uns in dem Gewirr der vielen Richtungen und Strömungen der imperialistischen Ideologie zurechtfinden und dieser in ihrer Gesamtheit offensiv entgegentreten. Historische Dimension, das heißt: Wir müssen uns stets bewusst sein, dass wir den größten und tiefsten gesellschaftlich-historischen Umbruch der bisherigen Geschichte durchleben und diesen durch unsere Tätigkeit mit gestalten und befördern. Kampf gegen die bürgerliche Ideologie bedeutet daher zugleich immer auch Kampf um die Einheit und Geschlossenheit unserer wissenschaftlichen Weltanschauung, den Marxismus-Leninismus. Der Bewährungsboden des ideologischen Kampfes ist die Politik der marxistisch-leninistischen Partei, die Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft und der weltweite Kampf gegen den Imperialismus. Dies schließt zwangsläufig die schöpferische Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus im Hinblick auf die Bedingungen unserer Epoche ein. -Und das hat nichts, rein gar nichts mit Dogmatismus zu tun.« Zusammenstellung und Referat: Werner van Treeck Erich Wulff Manfred Buhr, Exkathedra-Philosoph des Instituts für Gesellschaftswissenschaften der SED in Berlin, vermerkt den wachsenden Einfluss Marxschen Gedankengutes auch in der Universitätsphilosophie und in der intellektuellen Diskussion kapitalistischer Länder. Die dem Kapitalismus innewohnenden, sich immer mehr zuspitzenden Widersprüche, aber auch der »Siegeszug der Arbeiterklasse« in den sozialistischen Ländern hätten dazu geführt, dass um Marx nicht mehr herumzukommen sei. Dies zwinge die bürgerliche Ideologie dazu, Marx nicht mehr wie bisher totzuschweigen oder als »überholt« abzuwerten, sondern ihn stattdessen für sich zu vereinnahmen. Diese Argumentationskette ist sicherlich nicht völlig aus der Luft gegriffen. Gleichwohl verkürzt sie die Komplexität der Bedingungen, die zu dem zunehmenden Einfluss Marxschen Denkens in kapitalistischen Ländern geführt haben, um entscheidende Dimensionen. Zudem weitet sie den Begriff der Vereinnahmung in einer unerträglichen Weise auf alle Lesarten Marx' aus, die mit der Buhrs nicht deckungsgleich sind. Beides hängt, meine ich, miteinander zusammen. Zunächst: Der zunehmende Einfluss Marxschen Denkens ist nicht einfach die mechanische Folge ökonomischer Prozesse, ihrer Widersprüche und gesellschaftlichen Auswirkungen im Kapitalismus oder gar politischer Ereignisse, die in sozialistischen Ländern stattgehabt haben. Mit diesen Gegebenheiten sind lediglich Rahmenbedingungen skizziert. Auch nach dem »Siegeszug der revolutionären Arbeiterbewegung« in Ost- und Mitteleuropa ist es in vielen kapitalistischen Ländern (in den USA; in der Bundesrepublik) um Marx sehr still geblieben — besonders während der Zeit des Kalten Krieges. Es hat vielmehr in der BRD eines Jahrzehntes politischer Erziehungsarbeit und politischer Kämpfe — der Studentenschaft, mancher Intellektueller, einiger Hochschullehrer — bedurft, um Marxsches Denken in die Universitäten (und später auch in die Öffentlichkeit) wieder einzubringen. Gesellschaftswissenschaftliche Grundkurse in vielen Studiengängen, Kampf um Mitbestimmung in den Gremien und in Fragen der Lehrstuhlbesetzungen, die Schaffung von Möglichkeiten zur Veröffentlichung marxistischer Gedanken in Zeitschriften wie dieser, dies alles war unabdingbar dafür, dass Marxsches Denken einen — immer noch allzu bescheidenen — Platz an den Hochschulen und in den intellektuellen Diskussionen der Bundesrepublik gefunden hat. Unsinnig wäre es zu meinen, ökonomische Krisen hier oder gar das Beispiel der DDR, insbesondere ein »Siegeszug« der DDR-Philosophie, hätten allein dazu geführt. Erscheinungsformen der letzteren, wie der Aufsatz Buhrs, wären im Gegenteil dazu angetan gewesen, sich marxistisches Denken abzugewöhnen. Nun meine ich aber nicht, dass Buhr dies: den Kampf der Studenten, der Assistenten, mancher Hochschullehrer und Intellektueller um die Einbringung marxistischen Denkens in Hochschulen und Öffentlichkeit einfach vergessen hat; seine selektive Wahrnehmung scheint mir durchaus einleuchtende Gründe zu haben. Sie wurzelt nämlich in einer mechanischen, vulgärmaterialistischen und undialektischen Sicht gesellschaftlicher Entwicklung, die aus dem Siegeszug der Arbeiterklasse einen Siegeszug von Robotern macht, ein von selbst, nach inneren Gesetzlichkeiten ablaufendes Geschehen. Buhr macht aus den Subjekten der gesellschaftlichen Entwicklung ein einziges kollektives Subjekt, die Arbeiterklasse. Dieses Subjekt soll nun aber so handeln wie seine Avantgarde, seine Partei, es ihm vorschreibt, die damit gerade den Subjektcharakter des Proletariats usurpiert, ihn vampiristisch aussaugt, ist man versucht zu sagen. Die Partei hat ihrerseits Auguren, die die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung entziffern und für alle anderen die aus diesen Gesetzen sich ergebenden Handlungsanweisungen entfalten, für deren Verwirklichung der Partei- und Staatsapparat dann Sorge zu tragen hat. Diese Auguren sind letztlich das »Subjekt« des gesellschaftlichen Prozesses — und zu ihnen kann Manfred Buhr sich zählen. Eine durchaus komfortable Position, die man verständlicherweise nur ungern aufgibt. Je mehr Subjektfunktionen Buhr und seinesgleichen sich also zusprechen, desto mechanischer, roboterhafter müssen sie die gesellschaftliche Entwicklung auch darstellen; aber auch das Umgekehrte gilt: je mechanischer sie die Geschichte interpretieren, desto mehr machen sie sich selbst zu ihrem Subjekt. Dazu gehört es eben, zu verschweigen, dass die Studenten, die Assistenten, ein paar Professoren und Zeitschriftenherausgeber dazu beigetragen haben, Marx in die öffentliche Diskussion der BRD einzubringen. Aus jener Haltung ergibt sich die eigene Einschätzung, Vordenker im Auftrage des revolutionären Subjektes der Arbeiterklasse zu sein: als Exegese der klassischen — fast hätte ich gesagt heiligen — Schriften. Alle anderen dürfen nur hinterherdenken: in vorher festgelegten Bahnen. So festgelegt sind diese, dass Buhr Wolf Haugs Denken offenbar nur im IMSF-Band zur Kenntnis nehmen kann -- und eben nicht in seinen Büchern oder in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Das Argument. Zwangsläufig muss dieser Denkansatz Buhrs dazu führen, dass Denken und Sprache eben nur einstimmig —monoton heißt das Fremdwort dazu — ablaufen dürfen. Die öde Langeweile, die diese Art Philosophie bei ihren Zwangslesern auslöst, ist eben nicht zufällig, sondern hat in solch einem Denkansatz ihren Grund. Wenn man von den Voraussetzungen ausgeht, dass man nur selber — weil man von einer Institution dazu autorisiert ist — richtig denken darf, ist jede andere Perspektive marxistischen Denkens — vor allem eine solche, die nicht nur in den (Partei-)Oberen, sondern auch in den Unteren, nicht nur in den Arbeitern, sondern auch in den im Kulturbereich Beschäftigten das Subjekt der Geschichte sieht, und dazu beitragen will, dass die Unteren (und Anderen) tatsächlich zu diesem Subjekt werden — eben eine Vereinnahmung des Marxismus durch die bürgerliche Ideologie. Vereinnahmung schon deshalb, weil man (Buhr) sich selber als legitimer Einnehmer geriert. Deshalb auch die unsinnige, bösartige Verdächtigung, Haugs Formulierung, alles Marxistische muss diesem Ziel dienen: Selbstvergesellschaftung der assoziierten Produzenten, meine in Wirklichkeit: »Weg mit dem sozialistischen Staat, weg mit der marxistisch-leninistischen Partei«. Als ob Buhr den Satz nicht gelesen hätte, der zwei Seiten weiter steht: »Marxisten müssen bestrebt sein, sich als politische Partei zu organisieren, schließlich eine sozialistische Regierung zu bilden.« Und als ob Marx nicht selber im Kommunismus ein Absterben des Staates voraussah. Auch wenn dieser Zeitpunkt noch lange nicht gekommen ist, muss er denkbar bleiben. Und er muss auch darin vorwegnehmbar sein, dass eben nicht alles im gesellschaftlichen Leben Partei und Staat, befehlende, verfügende, anordnende Instanz ist, sondern die Menschen durch Mitverantwortung, Mitbestimmung, Mitgestaltung es lernen, zu Subjekten des gesellschaftlichen Lebensprozesses — und damit auch von Subjekten von Partei und Staat — zu werden. Darin steckt ein Widerspruch, der ausgehalten werden muss. Man kann ihn nicht einfach zugunsten von Parteidisziplin und Staatsgehorsam auflösen. Wird das ernst genommen, so gilt in der Tat, dass es nicht nur eine Version von Marxismus, sondern eben nur Marxismen, oder, mit dem Ausdruck der Französischen KP: einen pluralen Marxismus geben kann. Und es gibt sie in der Tat auch dort, wo man es ihnen gestattet, sich zur Geltung zu bringen. Auch hier hat Buhr nicht verstanden, dass es Haug nicht um Spaltung und Zerfall geht, sondern um Einheit in der Vielfalt, um ein Austragen von Gegensätzen, das diese zu verschiedenen Polen macht, die in einem produktiven = vorwärtsführenden Spannungsverhältnis zueinander stehen. So etwas macht stärker, nicht schwächer: stärker auf alle Fälle als Monotonie. Niemand will ja auch in der Musik die polyphone Fülle auf eine neue Gregorianik zurückführen. Noch bedenklicher ist der Versuch, unsere kommunistischen Freunde in unserem Lande deswegen anzugreifen, weil sie unserem Verständnis von Marx (das in vielem, durchaus nicht allem, von ihrem abweicht) Wirkung in unserem Lande bescheinigt haben. Obwohl Buhr im Gegensatz zu ihnen nicht hier lebt und sich also — auch im Gegensatz zu ihnen — kein eigenes Bild über diese Wirkung machen kann, leugnet er sie kurzerhand: Exkathedra. Und er attackiert jene, die eine solche tatsächliche Wirkung wahrnehmen. Dies sind Praktiken einer vergangenen Epoche, des Stalinismus, der einfach in Gedächtnislücken verschwinden lassen konnte, was ihm nicht passte. All dies wäre nicht so schlimm, vielleicht nur ein faux pas, würde mit dem Buhrschen Aufsatz nicht eine Exkommunikation versucht: alle Marxisten, die nicht bloß hinterherdenken, sollen den Plessner, Aron und ihren Gesinnungsgenossen zugeschlagen werden, der »bürgerlichen Ideologie«: So bleiben schließlich — außer einem selbst — nur Gegner übrig. Vielleicht ist auch unsere Lesart des Buhrschen Aufsatzes nicht frei von Verdächtigungen. Dann sind es aber solche, die durch seine eigenen angestoßen worden sind. Wir könnten dies noch weitertreiben und uns fragen, ob der Adressat seiner Verleumdungen vielleicht gar nicht die Marxisten in unserem Land sind. Buhr wird wissen, dass Einengungsversuche wie der seine hier schlecht ankommen. Die Wahlergebnisse der DKP, die — zu Recht oder Unrecht — auch für Denkverbote in der DDR mitverantwortlich gemacht werden, sprechen dafür. Als Ferment wirksam ist die von der DKP vertretene Marx-Version nur, wo sie es gelernt hat, auch andere Stimmen zu Worte kommen zu lassen. Die DKP hat, so meine ich, es sich wenigstens in der Praxis angewöhnt, sich (bündnis-)politisch so zu verhalten, wie wir es — im Weiterdenken von Marx — theoretisch fordern: durch Vielstimmigkeit die Wirkung jeder einzelnen Gruppe zu verstärken und dabei das Monopol aufzugeben, als einzige im Besitz der Wahrheit zu sein. Die heutige Friedensbewegung — im Unterschied zu früheren ähnlichen »Bündnisorganisationen« — macht diesen Wandel deutlich. Vielleicht wendet sich Buhr also gar nicht an uns, sondern an die marxistischen Intellektuellen im eigenen Lande, wo er Prozesse wie hier in der Friedensbewegung, die ja nicht nur praktisch-politische, sondern auch ideologische sind, für überflüssig, ja schädlich hält. Zitiert er deshalb Haug nur aus einem im ganzen linientreuen Buch — und eben nicht aus dem Argument —, um Haugs Denken schwerer auffindbar zu machen? Wir können dies natürlich nicht beweisen. Wir haben den Verdacht. Und Verdächtigungen haben die Tendenz, schließlich jeden Dialog zu substituieren und die Sache, um die es ging — das Denken von Marx —, vergessen zu machen. Insofern ist es ein Glück für uns, dass Buhr die Macht hierzulande nicht hat. Wir können im übrigen hoffen, dass er sich in diesem Artikel Kompetenzen zuschreibt, die ihm die politische Führung seines Landet gar nicht gegeben hat; und wir freuen uns auch darüber, dass viele unserer kommunistischen Freunde in unserem Land, Thomas Metscher, Josef Schleifstein und das IMSF z.B., eine durchaus realitätsgerechte Wahrnehmung der bundesdeutschen Wirklichkeit zeigen — und unseren Marxismus, der von ihrem verschieden ist, als eine Stimme im Chor, die dessen Wirkung verstärkt, aber auch als Gegenstand solidarischer Auseinandersetzung anerkennen. Diese Haltung solidarischer Diskussion wird auch in Zukunft die unsere sein. Helmut Ridder Es ist eine alte, immer wieder in alter Weise, d.h. die ebenso alte Antwort schon vorwegdiktierend, diesmal von Manfred Buhr[4] gestellte Frage. — Na, wer schon? »Wir« natürlich nur, und wem wir mit Brief und Siegel attestiert haben, dass er unser Genosse ist im »Kampf um die Einheit und Geschlossenheit unserer wissenschaftlichen Weltanschauung.« »Wir«, die wir — Konrad Adenauer und dem ihn und seine machtbegabten Mitstreiter diesseits und jenseits des Atlantiks zu langfristig wirksamer Tat beflügelnden Weltgeist sei's ewig gedankt! — unverdient (wenn auch nur scheinbar, weil aufgeschoben noch längst nicht aufgehoben ist), von der Mühsal einer reellen Generationenarbeit an der Sanierung einer demoralisierten Arbeiterklasse dispensiert und die Fährnisse der Revolution mit dem Zeitraffer hinter uns bringend, nie um ein Plätzchen in einer bescheidenen Nische kämpfen mussten, uns vielmehr und alsogleich etabliert wiederfanden (was nicht gerade zur Immunisierung gegen die mit einer Hofhaltung verbundenen monopolistischen Versuchlichkeiten beitragen konnte). Als »eine durchaus komfortable Position« hat in dieser Zeitschrift bereits Erich Wulff[5] diesen Befund und das daraus u.a. und vor allem folgende Ergebnis der Einrichtung eines Lehramts bezeichnet, das, da unfehlbar, auch verbindlich und unanfechtbar darüber entscheidet, was schon oder noch unverzichtbare »Grundsätze des Marxismus« sind und wer sich schon oder noch als »Marxist« bezeichnen darf. Wenn Wulffs Einschätzung hier wiederholt wird, dann ganz gewiss wie bei ihm ohne jeden Anflug von Neid. Und ebenso sicher ohne selbstzweckhaften Spott. Eher schon in der Sorge, die sich hier mit grandiosem Gestus verlautbarende Kommandantur könne gegenüber den kommenden Dingen ungerüstet sein, ja sich noch nicht einmal Gedanken darüber gemacht haben, dass »flexible response«, so verderblich auch immer als militärstrategisches Konzept, unter bestimmten Voraussetzungen ein zwingendes politisches Verhaltensgebot sein kann. Sie verfährt nach der Maxime: Einigeln, verbunkern und wild und wahllos und im vollen Winkel von 360 Grad rundum knüppeln! Viel Feind, viel Ehr! Und wen es auch trifft: »Viel Feind« ist ja in Wahrheit nur ein Feind, der Feind, eben »die bürgerliche Ideologie der Gegenwart«. Wobei denn auch die »Gegenwart« zweckdienlich eine ziemlich großzügige Größe ist: von Treitschke, dem Proto-Ordinarius der im gestohlenen Reichsflitter ihrem imperialistischen Triumph entgegenschreitenden Großbourgeoisie, dessen hohles Pathos staatstragend durch überfüllte Berliner Hörsäle donnerte, just bis zu W.F. Haug anno 1982 — in den Augen Buhrs ein ideologisches Sumpfhuhn, ein »elitäres« sogar, obwohl es in den akademischen Gefilden des Westens verdammt kurz gehalten wird — alles umfassend, was der mit dem Etikett »bürgerliche Ideologie« versehene, weitaus größere der beiden Zettelkästen dem zwar »wahllos«, aber kraft höherer Fügung doch auch mit feinem Gespür für »zum Exempel« Geeignetes erfolgenden Zugriff des Meisters, einem labeling approach im buchstäblichsten Sinne, entbirgt. Was für ein bornierter und kleiner Wicht da vergleichsweise doch Lenin gewesen sein muss, erhellt aus der Feststellung, dass dieser nur »für den Revisionismus seiner Zeit« pseudomarxistische Tarnversuche »konstatieren konnte«, anstatt die marxistische Mimese als symptomatisch »für die gesamte Marx-Beschäftigung der bürgerlichen Ideologie bis auf den [jedenfalls damals] heutigen Tag« zu erkennen, wie der Meister es vermag, der die Entlarvung freilich auch nur mit dem Vorbehalt »mutatis mutandis« daherplaudert. Das ist ein ablativus absolutus; und ablativi absoluti haben so unendlich viel in sich, dass man' s weislich drin lässt. Mit dem Inhalt dieser black box herauszurücken, kann sich auch kein Autor zumuten, der die »bürgerliche Ideologie« unter Missachtung elementarer Anforderungen an eine wissenschaftliche Argumentation wegzuschimpfen versucht und infolgedessen auf 9 Druckseiten ein Konvolut von Inkonsistenzen auftürmt. Ist es hier (656) »die gesamte Marx-Beschäftigung der bürgerlichen Ideologie«, die bezichtigt wird, »sich der Kleider von Marx« zu bemächtigen, so war's 2 Seiten vorher (654) noch und nur die »spätbürgerliche«, die etwas später (657) — erstaunlicherweise — (per Zitat Gedö) mit »den 40er Jahren unseres Jahrhunderts« eingesetzt haben soll. Doch der Zitierte handelt, wie Buhr auch ganz richtig sagt, gar nicht vom Kleiderraub der bürgerlichen Ideologen (weswegen er auch dem Lapsus entgeht, den Herrensakko des 20. Jahrhunderts altväterlich als »Rock« zu bezeichnen, 656) und nicht von einer »marxistischen« Ausstaffierung »der imperialistischen Ideologie«, sondern von der inhaltlichen Einbeziehung von Marxismus-Elementen in dieselbe; das sind doch wohl — mit Verlaub — begrifflich zwei auseinanderzuhaltende Phänomene. Und der ebenfalls als Kronzeuge aus »den vierziger Jahren« angerufene Wilhelm Röpke, einer der elegantesten und routiniertesten neoliberalen Hohlschwätzer, hätte es weit von sich gewiesen, sich auch nur eines Spazierstocks von Karl Marx zu bedienen. Freizügig, wie er auf der einen Seite umstandslos die »imperialistische Ideologie« synonym mit der »bürgerlichen Ideologie« verwendet, substituiert Buhr, wie's gerade kommt, auf der anderen Seite den »Marxismus« (oder »Marxismus-Leninismus«) — wenn ich nicht irre, ist das eine Theorie oder ein theoretisches System oder Gefüge, meinetwegen und unter Zurückstellung von Bedenken auch eine »wissenschaftliche Weltanschauung« (661), wobei »wissenschaftlich« zu unterstreichen wäre —durch den »Sozialismus« — den es, auch als einen »wissenschaftlichen«, auch auf ganz anderen als marxistischen Grundlagen gibt — oder gleich gar den »realen Sozialismus« — bei dem es sich offensichtlich um eine nach sozialistischen Konzepten realisierte soziale Ordnung handelt. Es ist ein Jammer, wie hier ein immerwährend aktuelles, großes und wahrlich praktisch bedeutsames Thema »auf der Grundlage der marxistisch-leninistischen Parteilichkeit in ihrer ganzen historischen Dimension« (661) so liederlich traktiert wird, dass der Nachvollziehbarkeit voraussetzende Bau von Diskussionsbrücken nicht erfolgen kann. Es muss wohl Absicht sein; man merkt die Absicht, und man wird verstimmt. »Die imperialistische Ideologie«, über deren Bereichsumfang das Lehramt entscheidet, und »der Marxismus-Leninismus« sind »zwei geschiedene und gegensätzliche Welten« (657) mit unkommensurablen Apperzeptionsbasen und von Grund auf unterschiedlichen Denkgesetzlichkeiten, zwischen denen es auch qua Wissenschaft nichts zu verhandeln gibt. Sie können, einander unanfechtbar verurteilend, nur aneinander vorbei reden; warum sollte dem »Marxismus-Leninismus« nicht recht und billig sein, was sein in die historische Defensive geratener Gegner für sich in Anspruch nimmt und praktiziert? Mit einem weniger von den Bildungsklassikern zehrenden, aber nicht minder erregten Wortschwall wurde diese wissenschaftsverleugnende Zwei-Reiche-Lehre übrigens von vielen jugendlichen Trägern der bundesdeutschen »Studentenrevolte« vertreten. Die besserungsunfähigen Teile ihrer Nachfahren bezeichnen sich, aus der Not der Denkfaulheit gern eine die Emotionsgeladenheit legitimierende Tugend machend, häufig als »undogmatisch« — ein Prädikat, das auch die hierzulande erfolgreich von der Zuchtrute Buhrs Erreichten nachweislich — darauf ist unten noch einzugehen — für sich in Anspruch nehmen. »Dogmatisch« sind mithin alle, die das Gespräch nicht explizit verweigern oder implizit unmöglich machen, also da mit von der Partie sind, wo Buhr »die gegenwärtige bürgerliche Ideologie insgesamt« den Punkt auf das I ihrer Perfidie setzen sieht, da nämlich, wo sie »eine möglichst ideologiefreie Diskussion der modernen Wissenschaftsentwicklung ... gegen den Marxismus-Leninismus ... entwickelt« (660 zu Punkt 7e). Es kann wohl keine Frage sein, dass diese Diskussion sinnvollerweise mit dem »Marxismus-Leninismus« stattzufinden hätte. Und auch Buhr entrutscht hier die Parenthese »und wenn es gelingt: mit einzelnen Marxisten«. Dass selbige auch laut Buhr dann also doch Marxisten sein können, wird nur den überraschen, der bis jetzt noch nicht wahrgenommen hat, dass Buhrs Text in seinem wesentlichen Inhalt eine Versprachlichung von Widersprüchlichkeit an sich ist (oder sollte ein schludriger Setzer es an dieser Stelle verabsäumt haben, die Marxisten mit Gänsefüßchen zu zieren?). Der von Buhr und seinen engeren Freunden verdammte Antikommunismus, der von der anderen Seite her das Gespräch verweigert (und nicht nur das!), ist und bleibt die Grundtorheit unseres Jahrhunderts. Das hat freilich wohl nur ein »Bürgerlicher« wie Thomas Mann so formulieren und damit zu der einzig möglichen Abhilfe stimulieren können, die in der Überwindung der Torheit durch Aufklärung besteht. Buhr und seine engeren Freunde hingegen hätten wohl von einem Grund verbrechen gesprochen und damit die Schotten schon damals so dicht gemacht, wie sie es leider heute tun — hoffentlich vergeblich! Nun ist es an der Zeit, den blödsinnigen, aber durch den Anlass zu dieser Intervention provozierten Titel derselben über Bord zu werfen. Dem Marxismus, also der Wissenschaft zugewandt, kann keine Themafrage lauten: Wer darf des Grales Hüter sein? Darf wer des Grales Hüter sein? Die sofort anfallende Antwort lautet selbstverständlich: Nein! Wissenschaftliche Gralshüter sind Grabesritter der Wissenschaft; und sie überantworten sich auch selbst dem Nichts, wie die schon von vornherein ziemlich morbide Runde, die da bei dem kranken Herrn Amfortas ausgeharrt hatte. Marxistische Wissenschaft, Wissenschaft aus dem Konzept der Einheit von in historischer Dimension ständig zu aktualisierender Theorie und Praxis, hebelt sich, mit dem Problembereich »Marx und die Folgen« befasst, selbst als Wissenschaft aus, wenn sie die Geschichte auf den Kopf stellt und Marx der verruchten »Ökumene« der bürgerlichen Wissenschaft, die Marx hervorgebracht und von der er sich niemals verabschiedet hat, dadurch zu entreißen versucht, dass sie ihn mit den ihr im jeweiligen Entwicklungsstand eigenen Kriterien misst und so zur Folge der von ihr akzeptierten Folgen macht. Dass Marx kein Marxist gewesen, wird ihm dabei, als umständehalber schwer vermeidlich, letztlich nur nachgesehen, liebevoll, gewiss, und verständnisinnig. Dafür aber muss er zahlen mit totaler Okkupation durch eben diesen unwissenschaftlich werdenden Marxismus, der jeden Zugriff von anderer Seite auf das Heiligtum zum Sakrileg macht. Als Sakrileg wird infolgedessen gleichermaßen geächtet und für undiskutabel erklärt, was aus solchem unbefugten Zugriff erwächst, seien es die Sottisen der schnoddrigen marxologisch-»populärwissenschaftlichen« demi monde, mit denen die westliche Journaille dem antimarxistischen Geifern Vorschub leistet, seien es die Ergebnisse autonomen Umgangs mit den kanonisierten Schriften, während gleichzeitig der »souverän« an diesen vorbeiforschenden Wissenschaft — mit vollem Recht — ihre unverzeihlichen Defizite vorgehalten werden. Die Frage, wie man sich auf dieser Inselfestung eigentlich den Eintritt in ein KSZE-Europa vorstellt, zu dessen Essenzialien eine weitgehende Institutionalisierung der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen gehören wird, mag zurückgestellt werden dürfen, wenn es auch nie zu früh sein kann, sich mit dieser Perspektive vertraut zu machen — also die Notwendigkeit dialogischer Formen ideologischen Streitens zu erkennen und sich darauf einzustellen, dass mangels eines gesamteuropäischen Roten Oktobers die versteinerten Verhältnisse wiederum und immer noch durch das Vorsingen ihrer eigenen Melodie zum Tanzen zu bringen sind: Das war kein Verdikt über die Melodie, die Melodie nämlich der (abgebrochenen) Revolution, die selbst den feudalen Verhältnissen alles andere als deren Melodie vorgesungen hatte. Der Zutritt zum Chor aber ist nur kooperativ und nicht durch täppische, bloß taktische Bündnisofferten für die Unterschichten der Tagespolitik zu erreichen. Die Frage mag zurückgestellt werden dürfen, weil nach den wahnwitzigen Nachrüstungsbeschlüssen der letzten Wochen vor uns zunächst einmal eine furchterregende Periode gefahrenträchtiger Paradoxien von allgemeiner West-Ost-Vereisung und »deutsch-deutscher« Erwärmung unter dem mitteleuropäischen Raketenhimmel liegt. »Wiedervereinigung« ist wieder mal in der Luft. Ganz dick. Natürlich nicht so zu verstehen wie nach den Vorstellungen der Simpel, die in den frühen Jahren der Bundesrepublik die westdeutsche Politik bestimmt haben. Ganz so schlimm wird es also nicht gleich kommen; das wissen die Betreiber schon selbst. Und sie gehen auch sicher nicht davon aus und dürften zur Zeit auch nicht einmal ein Interesse daran haben, dass die sozialistischen Errungenschaften der DDR gegen bare Kasse marktwirtschaftlich verkäuflich seien. Aber es gibt genügend andere anwärmungsempfängliche Zonen. Die »Verantwortungsgemeinschaft« (BRD-Sprache) der »Deutschen« (»deutsche« Sprache) als Zweckverband mit der Aufgabe der »Schadensbegrenzung« (DDR-Sprache) ist schließlich auch keine Herausforderung von Bagatellcharakter. Wie gedenkt man, beispielsweise nur, bei intensivierten, offizialisierten und kontrahierten Wissenschaftskontakten mit derart panischen Verweigerungen bestehen zu können, wie sie in Buhrs fast noch druckfrischen Auslassungen manifest werden? Oder steht gar unter der Drohung des mitteleuropäischen Raketentodes als Preis für Druckentlastung Kollusion von zwei die Selektion handhabenden ideologischen Amtskirchen an im Hause der »deutschen« Wissenschaft? Wie so etwas aussieht, exerzieren Buhrs engere Freunde hierzulande mit ihrer Selbstaufopferung vor. Sie haben das Signal verstanden, nach einem Sündenfall tätige Reue geübt und dem »revisionistischen Rückwärtsgang beim Argument« einen ganzen Abschnitt gewidmet, der die Tendenzen des »Produktionskerns« dieser Zeitschrift aufs Korn nimmt.[6] Nichts gegen die Ausbreitung inhaltsbezogener Einwände gegen das Objekt der Polemik (es ist AS 100: »Aktualisierung Marx'«) — denen ich mich teilweise sogar anschließen würde; aber darum geht es hier nicht —, aber kompromisslose und eindeutige Verwahrung gegen das Schlussdekret von wissenschaftlichen Zwei-Reiche-Fanatikern: »... sollte den Mut haben, sich auch als Nicht-Marxist zu bekennen« (356), lautet es und soll mit »Dogma« nichts zu tun haben (hierzulande artikuliert sich diese »undogmatische« Haltung sonst mit den drei Worten: »Geh doch rüber!«). Damit sind sie dann nach vollzogener Exkommunikation glücklich wieder unter sich, eingesperrt in den selbstgezimmerten Käfig redundanter Introvertiertheit, für den allein der »Antikommunismus« der anderen verantwortlich gemacht wird. Folgt, wie gewohnt, das generöse Angebot »bündnispolitischer Gemeinsamkeiten etwa im Kampf um Frieden, Demokratie und sozialen Fortschritt«; das Lächeln darüber wird wieder um einiges trauriger sein. [1] Die ersten drei Teile erschienen
in: Das Argument 142, 25. Jg., 1983, 789 (Editorial) und 869-74; der Text
von Helmut Ridder erschien in: Das Argument 143, 26. Jg., 1984, 5-9. |