Das Argument

Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften

gegründet 1959 von Wolfgang Fritz Haug

Im Auftrag des Berliner Instituts für kritische Theorie (InkriT) herausgegeben von

Frigga Haug, Wolfgang Fritz Haug und Peter Jehle

zuletzt aktualisiert / last upate 15. Februar 2010

Einladung zur Mitarbeit: "Popularkultur Sport"

>Sport als Popularkultur, ideologische Macht und kapitalistisches Geschäft< (Argument 289, Doppelheft)

Der Band - der ursprünglich zum (weiterhin bevorzugten)

Thema Fußball angedacht war - soll den Sport als

^Kampfplatz^^ untersuchen, als Wirkungsfeld und -form für Herrschafts(re)produktion und Befreiungshandeln.

Gesamter Text

 

Stirb und werde: vierzig Jahre ARGUMENT  (1999)

Die deutsche Theoriezeitschrift der kritischen Intellektuellen

(Auszüge)

Vor vierzig Jahren entstand diese Zeitschrift, indem an eine streitbare Flugblattreihe gegen Atomrüstung sich immer mehr Aktivitäten und Erwartungen ankristallisierten. Nach sieben Jahren entpuppte sie sich explosiv als führende Theoriezeitschrift der Studentenbewegung. Mit den politischen Veränderungen hat sie sich wieder und wieder gewandelt, nicht selten durch schwere Krisen hindurch, doch in entscheidender Hinsicht auch eine ungebrochene Kontinuität gewahrt.

 

1. Rückblicke

Schon im ersten Jahr machte DAS ARGUMENT einen Sprung von den Flugblättern der Studentengruppe gegen Atomrüstung zu den breit interessierten Berliner Heften für Politik und Kultur. Mit der Heftform taucht folgendes Programm auf:

DAS ARGUMENT geht davon aus,

dass es die gemeinsame Aufgabe der Intellektuellen ist,
die Wahrheit zu suchen und auszusprechen

dass die Resignation zum geistigen Spezialarbeiter
einen Verrat an dieser Aufgabe bedeutet

In Form und Inhalt sichtlich von Brecht inspiriert, bezeugt der Text auch, dass die Verfasserin, Margherita von Brentano, ebenso von Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung beeinflusst war, aber ohne in Lähmung zu verfallen. Dieses konzise kleine Intellektuellenmanifest vom Ende der fünfziger Jahre beschreibt noch immer wesentliche Züge der Praxis dieser Zeitschrift.

Bei der nächsten Etappe, dem Übergang zur Herstellung im Buchdruckverfahren im Frühling 1960 unter der verlegerischen Leitung von Christoph Müller-Wirth, spricht sich der angestrebte Bezug zum Politischen in schlichter Deutlichkeit aus. Man solle nicht »befürchten, dass das seriöse Äußere das Anzeichen einer Kommerzialisierung unseres Unternehmens ist. […] Es bleibt ein politisches, das seinen Zweck außerhalb deiner selbst hat und wofür DAS ARGUMENT nichts ist als ein Mittel unter anderen. DAS ARGUMENT will weiterhin keine Ware sein, sondern eine Waffe.« (Argument 19) Dieses so militant daherkommende Konzept versammelte immerhin Mitherausgeber wie Günther Anders und Axel Eggebrecht, Ossip K. Flechtheim und Dietrich Goldschmidt, Helmut Gollwitzer und Propst Heinrich ,Gröber, den Studenten Thomas Metscher und seine beiden Lehrer Wilhelm Weischedel und Rudolf Sühnel, den Kabarettisten Rolf Ulrich und den Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre, um nur einige der Bekanntesten zu nennen. Die Zeitschrift war winzig. Das zitierte Heft erschien in einer Auflage von 700 Exemplaren.

Die nächste Wandlung bereitete sich dadurch vor, dass in der Inkubationszeit der Studentenbewegung – in Frankreich könnte man sagen: im Vormai – eine Gruppe aus dem Umfeld von Wolfgang Abendroth und Werner Hofmann an der marburger Universität zu der Zeitschrift stieß, während sich gleichzeitig Kontakte zur jüngeren Generation am Frankfurter Institut für Sozialforschung herstellten. Zum wichtigsten Vorbild des Zeitschriftenmachens war für die berliner Gruppe die von Max Horkheimer in den dreißiger Jahren herausgegebene Zeitschrift für Sozialforschung geworden. Diesem Vorbild wurde vor allem der Rezensionsteil nacherfunden. So wurde 1966 der nächste Sprung vollzogen: die Zeitschrift erklärte .sich zum Organ der sozialkritischen Akademiker, die breit gestreute Mitherausgeberschaft der ersten Jahre zurücklassend. Im Editorial zum ersten Heft des 8. Jahrgangs 1966 heißt es: »Das ARGUMENT wird von (vorwiegend jungen) Wissenschaftlern gemacht, als wissenschaftliche Zeitschrift. Wissenschaft ist, so sehr es viele ihrer Vertreter leugnen mögen, innerlich nie unpolitisch, sondern vielmehr selber ein gesellschaftliches Verhältnis. Entscheidend für den hier angestrebten Begriff von Wissenschaft ist der Versuch, diese ihre Dimension mitzureflektieren.« Die folgenden zehn Jahre brachten einen kometenhaften Erfolg. Die Auflage vervielfachte sich. Auch die früheren Hefte wurden immer wieder nachgedruckt.

Der Rückenwind, den das Zusammentreffen von Studentenbewegung und Hochschulreform für die Zeitschrift bedeutete, bewirkte mit der zeitlichen Verzögerung des massenhaften Bildungsprozesses einer akademischen Intelligenz neuen Typs den nächsten Sprung: die Fülle der eingehenden Manuskripte entlud sich zuerst in Argument 50 als voluminöser Sonderband, Kritik der bürgerlichen Sozialwissenschaften, dem bald nicht weniger umfangreiche Bände über Medizin, Pädagogik und Geschichte folgten. Damit war die Bezeichnung entstanden, die schließlich 1976 einer noch immer bestehenden Buchreihe mit inzwischen weit über zweihundert Titeln den Namen gab: Argument-Sonderbände. Aus der Zeitschrift im Selbstverlag war ein Verlag mit schließlich vier Zeitschriften und einer wissenschaftlichen Taschenbuchreihe geworden. Andere Aktivitäten kamen hinzu –von der gelegentlichen Konzertagentur mit Buch- und Schallplattenproduktion bis hin zur Gründung der Berliner Volksuniversität.

Um 1980 wurde es nötig, das Argument-Konzept zu reformulieren, schon um den Zusammenhang dieser ausgefalteten Aktivitäten deutlich zu machen. »Das Verlagsprogramm«, heißt es nun, »soll der Entwicklung der theoretischen Kultur der Linken dienen. Wissenschaftliche Zuarbeit zu den sozialen Bewegungen: den Kräften der Arbeit, der Wissenschaft und der Kultur, der Frauenbefreiung, der Naturbewahrung und der Friedensbewegung. Zuarbeit zu einem sozialistischen Projekt, das diese Bewegungen aneinanderlagert.« In Gestalt der Automationsforschung wurde dem Auftauchen der hochtechnologischen Produktionsweise besondere Aufmerksamkeit geschenkt; Ideologieforschung, Aufnahme der Kulturforschungen vor allem des CCCS Birmingham mit Stuart Hall, die Kritische Psychologie um Klaus Holzkamp und nicht zuletzt die Frauenforschung bildeten die wichtigsten untereinander kommunizierenden Projekte. Als Funktion des ARGUMENT wurde die Verbindung der einzelnen Projekte verstanden. Die Zeitschrift, hieß es nun, »dient der Entwicklung des allgemeinen Wissens- und Diskussionszusammenhangs«. Erneuerung des Marxismus war von jetzt an eine übergreifende Parole, die das ARGUMENT schließlich aus dem Bündnisumfeld der an der SU orientierten Kommunisten herauskatapultierte. Die Berliner Volksuniversität mit ihren vielen Nachgründungen der ersten Jahre -- Zürich, Hamburg, Göttingen u.v.a.m. -- versah Themen und Autoren der Zeitschrift mit einem außerakademischen Resonanzboden. Seit 1983 läuft die kritisch-marxistische Wörterbucharbeit neben der Zeitschrift her.

Eine strukturelle Veränderung der Zeitschrift selbst drückte sich 1982 in der Gründung der autonomen Frauenredaktion aus. Sie ist die Konsequenz aus der überall zu machenden Erfahrung, dass im Selbstlauf selbst bei bestem Willen sich an der männlichen Dominanz nichts je wirklich ändert. Seither wird jeder dritte Heftschwerpunkt von der Frauenredaktion erstellt. Als Nebeneffekt erbrachte diese Ausdifferenzierung die Erfindung der ersten feministischen Krimireihe in deutscher Sprache, Ariadne, deren stürmischer Erfolg innerhalb weniger Jahre den Argument-Verlag zu einem feministischen Literaturverlag mit einem nur mehr ein Viertel des Umsatzes bestreitenden Theoriesektor machte. Das Konzept entstammte nicht nur der internationalen sozialen Frauenbewegung, sondern leitete sich zugleich von Antonio Gramscis Forderung her, den Alltagsverstand als Adressaten der Veränderung zu begreifen.

Mit der sowjetischen Wende zur Perestrojka rückte für zwei Jahre das östliche Umbau- und Demokratisierungsprojekt ins Zentrum des Interesses, bis der Zusammenbruch die überschießenden Hoffnungen dieser Zeit enttäuschte.

 

2. Konzeptionelle Perspektiven

Jost Hermand hat die Entstehung des ARGUMENT in den Kontext der »Kulturgeschichte der Bundesrepublik« eingeordnet (1986). Ein historischer Faktor ist diese Zeitschrift mit ihren Tausenden von Autorinnen und Autoren zweifellos geworden. Aber ist sie auch heute noch geschichtlich im Sinne des Hineinwirkens in die Geschichte im Werden? Eine Zeitschrift ist dies nur, wenn sie sich zur Schrift ihrer Zeit macht. Sie muss versuchen, deren Latenz ins Manifeste zu heben. Den Zeitgeist zu verdoppeln, mögen andere besorgen. Marxistische Traditionspflege liefe auf ein Archiv für Vergangenes hinaus. Eine lebendige Zeitschrift, die sich unter anderem in der Nachfolge von Marx versteht, muss dazu beitragen, den noch kaum gedachten Formativkräften einen Namen zu geben und an der Entwicklung einer Sprache für ihre Analyse mitzuwirken. DAS ARGUMENT kann dies wiederum nicht in der Art einer Fachzeitschrift, sondern nur in einer die akademischen Disziplinen übergreifenden Form tun, indem es die arbeitsteilig auseinandersortierten Spezialisten in Anstrengungen des Zusammendenkens assoziiert.

Um uns darüber klar zu werden, worin die spezifische Aufgabe dieser Zeitschrift heute bestehen kann, stellt sich uns die Frage nach den aktuellen und potenziellen Adressaten und Subjekten der Zeitschrift. Die Fachidioten, »Brotgelehrten« (Schiller) und »Kopflanger« werden sie nicht lesen. Schwieriger ist es, von einem andern Imaginären Abschied zu nehmen: dem Ideal der allseits interessierten sozialistischen Persönlichkeit und der Illusion, ihr ebenso allseitig Analysen und Reflexion der sich wandelnden gesellschaftlichen Wirklichkeit zugänglich zu machen. Auch die Orientierung auf soziale Bewegungen ist nicht immun gegen solche Imaginarität: nicht nur, weil Bewegungen als solche nicht lesen, sondern auch weil sie nichts Permanentes sein können.

Die Adressaten einer solchen Theoriezeitschrift können nur die kritischen Intellektuellen sein. Für eine Intellektuellenzeitschrift (im weiteren Sinn von Gramscis Intellektuellenbegriff) der Linken verbietet sich aber der Intellektualismus abgehobener Diskussionen. Für sie gilt, mutatis mutandis, was Brecht von der Kunst sagt: Sie muss autonom gegen Indienstnahmen sein, aber nicht autark, nicht interesselos, sondern engagiert in den Kämpfen ihrer Zeit, aus ihnen Stoffe und Kräfte schöpfend.

Als thematische Brennpunkte kommen nur die krisenhaften und umkämpften Umbrüche unserer Zeit auf den verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen in Frage. Zu denken ist der entfesselte Kapitalismus, der sich nicht mehr gegen ein Anderes verteidigen muss und deshalb, schutzlos sich selbst ausgeliefert, ungehemmt aus- und angreift. Zu denken ist der Übergang zur hochtechnologischen Produktionsweise und die Formen, in denen er in den unterschiedlichen Realitätsebenen vonstatten geht. Zu analysieren ist, dass und wie dieser Übergang unter neoliberaler Hegemonie erfolgt, was nichts anderes heißt, als unter der Dominanz der »Marktinteressenten« (Max Weber) oder Konkurrenzgewinnler. Zu denken sind die unterschiedlichen Kriegsmuster neuen Typs, in die sich die entfesselte Konkurrenz fortsetzt. Zu denken ist der Umbruch in den Repräsentationsweisen und die Ausdrucksformen der »Globalizität«, wie die sonderbare Wortprägung des Bundespräsidenten Roman Herzog lautet. Zu befördern ist die Herausbildung europäischer Intellektualität, um zugleich den unbewussten Eurozentrismus in bewusster Selbstrelativierung aufzulösen. Zu fördern ist schließlich die globale Zirkulation von Konzepten und Erfahrungen kritischer Intelligenz: man mag am vorliegenden Heft beobachten, was das heißen kann.

Was die Veröffentlichungspolitik angeht, so werden wir alles privilegieren, was die gegenwärtigen Umbrüche in ihren Widersprüchen und womöglich in der Perspektive der Steigerung linker Handlungsfähigkeit zu denken erlaubt. Gefragt sind Beiträge, die Kritik und Widerstände verknüpfen wie Rosa Luxemburg dies im Material ihrer Zeit einmal praktiziert hat.

So treten wir ins fünfte Jahrzehnt ein mit der Absicht, auch diesem seine Schrift zu liefern. Weiterhin soll das ARGUMENT »keine Ware, sondern eine Waffe« sein; doch wenn die Ware nicht realisiert wird, ist die Waffe stumpf, darum rufen wir nicht nur zur Mitarbeit auf, sondern auch zum Abonnement. Eine Zeit lang Teil größerer Zusammenhänge, die wie ein Festland wirkten, kann man den Eindruck haben, das Projekt sei wie eine Insel übrig geblieben. Doch diese Not ist mit Notwendigkeit geladen. Die relative Isolierung erübrigt die Zeitschrift nicht, sondern macht sie auf neue Weise desto notwendiger.

 

Aus Anlass des 50. Geburtstags der Zeitschrift

zurückblätternd und nach vorne blickend

(siehe auch Argument/Archiv und InkriT/Tagungen)

I. Zurückblätternd...

Ich habe die Geburt und das Sterben vieler Zeitschriften miterlebt. Aber keine Zeitschrift, der ich zur hundertsten Nummer hätte gratulieren können. Dass ihr euer Kind, obwohl ihr ihm erlaubt, nein, ihm befehlt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und komplizierte, ja trockene Texte von sich zu geben - dass ihr dieses euer Kind so lange habt großziehen können, das ist eine in der Geschichte der linken, parteilosen, philosophisch-politischen Zeitschriften einmalige Tatsache.

Günther Anders 1977

Ich habe am Argument immer sehr geschätzt sowohl die ökumenische Weite wie auch die kritische Strenge. Es lässt keine Phrasen zu und konfrontiert die Marxisten mit ihren eigenen Theorien und Wertstandpunkten.

Helmut Gollwitzer, 1988

Das Argument ist ein guter Spiegel der inneren Konvulsionen und Umorientierungen der linken Intelligenz. Da, wo es versucht hat zu führen, Programme zu entwickeln, greift es über die Funktion hinaus, die es erfüllen kann.

Georg Fülberth, 1988

"Der Brain Trust der Studentenbewegung sei der Argument-Klub. Sie begnüge sich nicht damit, die Studentenschaft zu kontrollieren, sondern strebe die Kontrolle über die Universität an."

Ernst Fraenkel vor dem Demokratischen Klub, laut Morgenpost vom 28. 10. 1967

Ein junges berliner SDS-Semester: "Was wir Jungen in gesellschaftspolitischen Fragen gelernt haben, das haben uns die 'Alten' im Argument-Klub beigebracht."

DIE ZEIT, 23. Februar 1968

"Das Argument" hat in starkem Maße dazu beitragen können, dass immer stärkere Teile der studentischen Massenbewegung der Rationalisierung ihrer Verhaltensformen und ihres Denkens zugänglich wurden und nicht mehr nur gefühlsbetont, sondern - wie es ihrer Ausbildung hätte entsprechen sollen - wissenschaftlich, auch in ihrer Auseinandersetzung mit dem offiziösen Wissenschaftsbetrieb, nicht nur im politischen Kampf selbst reagierten.

Wolfgang Abendroth, 1977

"Die Behauptung, dass 'Das Argument' die beste, weil fundierteste Zeitschrift der Linken ist, stößt heutzutage kaum auf  Widerspruch. [...] Die Zeitschrift formulierte brisante Fragen, schon zu einem Zeitpunkt, da diese noch längst nicht in der allgemeinen Diskussion waren."

Frankfurter Rundschau, 5. November 1969

Das Argument gehört zu den anregendsten kulturpolitischen Zeitschriften im deutschen Sprachraum. In 99 Nummern hat es seinen Lesern zahlreiche kritische Argumentationen, Einblicke, Analysen und Meinungen geliefert, die nicht ohne Widerspruch blieben und gerade dadurch Argumente entwickeln halfen. Es hat so die Entwicklung der Bundesrepublik, ihrer Institutionen, ihrer Kultur und Wissenschaft antizipatorisch begleitet - und provoziert.

Heinz Ludwig Arnold, text + kritik, 1977

Ohne sich den Trends vor allem der linken Diskussiion zu ergeben, haben es die Redakteure und Autoren verstanden, aus einer kleinen Informationsbroschüre von Atomwaffengegnern eine auflagenstarke und renommierte Zeitschrift zu machen, deren Ansehen sich ebenso auf eine der wissenschaftlichen Diskussion richtunggebende Themenauswahl gründet wie auf den spezifischen Argument-"Stil".

Bund demokratischer Wissenschaftler, 1977

Aus Anlass des Erscheinens des hundertsten "Argument" fühle ich mich zutiefst beglückt, dass ich zu den regelmäßigen Lesern dieses großartigen Organs marxistischer Theorie und Meinungsbildung zählen kann.

Leo Kofler, 1977

"'Argument' liest man nicht, um nur 'mitreden' zu können, sondern weil man mitdenken will, um dann auch mitzuhandeln."

Martin Buchholz im Extra-Dienst, 1977

Hundert Bände "Argument": Wer sie durchblättert, stellt nicht ohne Betroffenheit fest, einen wie großen Teil seines Wisens, seines Reflexions-Reservoirs und seiner Standpunkt-Begründung er den Essays dieser Reihe verdankt - und das in einem Ausmaß, dass der Leser immer wieder in Gefahr gerät, für einen Augenblick zu vergessen, wie sehr er, scheinbar Niemandsland erobernd, sich in Wahrheit auf Feldern bewegt, die im "Argument" längst bestellt worden sind.

Wir brauchen die Berliner Enzyklopädie.

Walter Jens, 1977

Wir haben die Entwicklung des "Argument" nicht nur freundschaftlich, sondern mitunter auch sehr kritisch verfolgt. Um so mehr freut es uns, dass in letzter Zeit die Notwendigkeit erkannt wird, dass sich die verschiedenen Möglichkeiten materialistischer Wissenschaft, sozialistischer Theorie und Politik unabhängig und offen artikulieren können. Insofern wünschen wir dem "Argument" nicht nur ein weiteres Existieren, sondern auch und vor allem eine politische Entwicklung insgesamt, die es ermöglicht, im Sinne eines linken Pluralismus zu koexistieren.

Redaktion PROKLA, 1977

Für uns ist "Das Argument" zum Symbol geworden für ein deutsches und europäisches Denken von kritischem, demokratischem und wahrhaft konstruktivem Charakter.

MATERIALES - Revista de información y crítica cultural, Barcelona 1977

Your journal was invaluable as by translating many articles taken from it, we were able to acquaint Yougoslav readers with the most noteworthy research and discussions in Marxian circles in der Federal German Republic.

Milos Nikolic , Editor-in-Chief, Markzizam u svetu, Belgrad, 1977

"Das Argument" is serving a most needed functionin the stifling intellectual environment prevalent in the Western world. It provides an alternative vision and a critical outlook most needed in world scholarship.

Vicente Navarro, Editor-in-Chief, International Journal of Health Services, Baltimore, 1977

Man kann heute schon feststellen, dass "Das Argument" seine historischen Verdienste nicht nur im politischen Bildungsprozess der Neuen Linken in der BRD und Westberlin, sondern auch in der deutschsprachigen Schweiz hat.

Progressive Organisation der Schweiz (POCH), 1977

Was Das Argument als Zeitschrift auszeichnet, ist bei allem Wechsel der Verhältnisse ein hoher Grad an theoretischer Kontinuität. Das ist etwas, was ich sehr respektiere, dass es gerade nicht die Modeströmungen in der Theorieentwicklung mitmacht, dass es an einem bestimmten Zusammenhang von Marxschen Kategorien festhält. Das bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen. Das ist heute eine sehr wichtige Funktion, die Das Argument hat... Das hat auch etwas von Retten vor dem Vergessen; von dem, was nicht aus dem Blick geraten darf. Die ganze Frage der Ideologie z.B., die sehr breite Faschismusdiskussion, die viel breiter und auch tiefer ist als bei anderen... Also kein blosses Beharren auf alten Strukturen, sondern ein Bewahren im Sinne eines kollektiven Gedächtnisses.

Oskar Negt, 1988

Uns wurde uns der Vorwurf gemacht, dass wir, weil wir als Feministinnen in der Zeitschrift geblieben sind, wir auch in einem bestimmten Marxismus geblieben seien: Im Nachhinein bin ich froh, dass wir damals nicht die Kraft und das Geld hatten, eine eigene Zeitschrift zu gründen. Wir wollten diejenigen, die sich marxistisch verstehen, auch feministisch erreichen können. Und wir wollten diese Zweibeinigkeit: Marxismus und Feminismus auch theoretisch-kulturell zeigen können. Das ist in der Zeitschrift möglich.

Kornelia Hauser, 1988

 

II. Nach vorne blickend: Argument-Neugründung (2005)


In Argument 249 (2003) versprachen die Herausgeber, »die Zeitschrift bis zum Abschluss des 50. Jahrgangs weiterzuführen und die Qualitätsstandards weiter (und zum Teil wieder) zu erhöhen«. Letzteres wurde zur Zerreißprobe. Der Rahmen einer berliner Redaktionsgruppe, die seit 2001 keine universitäre Anbindung mehr hatte, erwies sich als zu eng. Er musste, unter Konflikten, aufgesprengt, die Redaktion den technischen Möglichkeiten entsprechend von der Ortsgebundenheit emanzipiert werden. Zugleich galt es, die Fortführung der Zeitschrift über ihren 50. Jahrgang hinaus anzubahnen. All dies zusammen lief auf eine veritable Neugründung hinaus.


Die Übernahme der Zeitschrift durch das InkriT und der Beginn einer Erweiterung der Herausgebergruppe waren erste Schritte. Die Gründung eines Wissenschaftlichen Beirats, der im vorliegenden Heft seinen ersten Auftritt hat, ist ein dritter Schritt. Er geht einher mit dem Übergang von der festen Struktur zu der einer »lernenden flexiblen Organisation«.

Wenn in Argument 263 (2005) zum ersten Mal eine »Redaktion dieser Ausgabe« nachgewiesen war, so verbirgt sich hinter dem Zusatz »dieser Ausgabe« das neue Konzept: Für jedes Heft bilden wir künftig in Abstimmung mit dem Beirat, der auch an der Themenplanung mitwirkt, eine eigene »Projektredaktion«. Permanent besetzt sind nurmehr die Koordination und die fachspezifisch zusammengesetzten Rezensionsredaktionen. Aus ihnen, den Herausgebern und den jeweils arbeitenden Projektredaktionen setzt sich die Aktivengruppe zusammen, die an die Stelle der bisherigen Redaktionsversammlung tritt. Mit dem Wechsel der Projektredaktionen wird diese virtuelle Versammlung sich im Rhythmus der Hefte immer wieder umschichten.

Insgesamt bedeuten diese Veränderungen eine Öffnung und Vergesellschaftung der Zeitschrift. Wie bei jedem Experiment ist das Ergebnis offen. Bei den kommenden InkriT-Tagungen werden die Erfahrungen ausgewertet – so erstmals am 2. Juni (siehe die Ankündigung im Anschluss). Spätestens hier treten Beirat und Aktivengruppe zumindest teilweise aus ihrem unvermeidlich virtuellen Dasein heraus ins unersetzliche einer leibhaftigen Zusammenkunft.

WFH

 

Zur Autonomen Frauenredaktion


Als Krise fasst man die Zeit, in der sich entscheidet, ob der Patient die Krankheit überwindet oder stirbt. Im Argument haben wir die langschwärende Krise der Redaktion genutzt, um einen Aufbruch nach vorn einzuleiten. Wir haben die Redaktionsarbeit auf einen Stand gebracht, auf dem sie entsprechend des Stands der Kommunikationsmittel seit langem hätte sein müssen, wie ja dank Internet seit Jahren der Umbruch in Island gemacht wird. Beirat und Projektredaktionen bilden sich nicht nur überlokal, sondern international, ja global. Unserer Einladung sind in wenigen Wochen fast 150 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gefolgt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Zeitschrift sind die Hälfte davon Frauen, dies ist ein überraschendes Novum.


Was für die Redaktion allgemein gilt, gilt auch für die Autonome Frauenredaktion. An ihre Stelle treten der feministische Teil des Wissenschaftlichen Beirats und die entsprechenden Projektredaktionen. Beide arbeiten bereits auf vollen Touren, derzeit sind Planideen für mehrere Jahrgänge im Gespräch. Die Redaktion des nächsten Frauenheftes, das unterm Arbeitstitel Geschlecht und Migration vorbereitet wird, setzt sich aus zwölf Redakteurinnen zusammen; Rezensionen sind in Arbeit, Übersetzerinnen gefunden usw. Drei weitere Hefte sind in Angriff genommen. Die Arbeit ist ungleich lebhafter, aktueller, vielfältiger geworden, freilich auch anstrengender. Die nächsten Jahre werden zeigen, was jetzt möglich ist.


FH

 

Qualitätsstandards


Karl-Heinz Götze kam beim Blättern im letzten Argument manches »über die Zeiten hinweg seltsam vertraut vor: die hohe Qualität, die ewigen Illusionen, die Finanzlage ...«. Als illusionär mag ihm der »Optimismus des Willens« vorgekommen sein, der uns bei allem »Pessimismus des Verstandes«, wie es bei Gramsci heißt, weitermachen lässt. Die Qualitätsansprüche aber waren es, an denen sich Konflikte in der bisherigen Redaktion entzündeten. Daher ist es angezeigt, einige der Maximen auszusprechen, denen wir bei der Gestaltung der Zeitschrift zu folgen suchen.


Fragen der Qualität sind Fragen der Ausstrahlung. Ob ein Aufsatz gelesen wird, hat – neben dem Prestige des Autors bzw. der Autorin und der Signalwirkung des Titels – damit zu tun, ob er gut geschrieben ist. Wenn der Anfang bereits verstellt ist, sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, dass selbst wohlgesinnte Leser über die erste Seite hinauskommen. Qualität ist nicht auf Grammatik, Wortwahl oder Orthographie reduzierbar, aber ohne diese ist noch jede Botschaft von vornherein um ihre Wirkung gebracht. Die Form lässt sich vom Inhalt nicht trennen. Sie stellt sich auch dort nicht automatisch ein, wo das Richtige, Notwendige oder auch nur Interessante und Mitteilenswerte gesagt wird. Es ist ohne die Materialität des sprachlichen Ausdrucks nicht zu haben. Man muss sich Lektüre verdienen. Die Redakteure sind in der Pflicht, sprachliche Hebammendienste zu leisten, nachdem positive Voten den Weg zur Veröffentlichung eines Textes frei gemacht haben. Jetzt schlägt die Sternstunde des Redakteurs-Daseins: Ein Text bittet um die Ehre, ins Reich der deutschsprachigen Literatur entlassen zu werden.


»Selbstverständigung der Zeit über ihre Kämpfe und Wünsche« – diese (marxsche) Formel aus den Gründerjahren der Zeitschrift verlangt eine Arbeitsweise, die die politische Analyse der bloßen Exekution eines für politisch korrekt Gehaltenen vorzieht. Wenn Brecht für die »Weite und Vielfalt« realistischer Stilmittel stritt, so findet dies seine Entsprechung beim Machen einer Zeitschrift. Um »der theoretischen Kultur der Linken« zu dienen (vgl. 161/1987), muss eine Vielzahl von Auffassungen zu Wort kommen. Ferner gilt: »Die Widersprüche sind unsere Hoffnung« (Brecht). Nur wenn es gelingt, Handlungsfelder und die darin sich kreuzenden und einander wechselseitig verstärkenden oder blockierenden Tendenzen zu analysieren, wird man fähig, wirksam einzugreifen und sich manövrierfähig zu halten. Überzeugungen sind Orientierungsmarken im Rauschen der Meinungen. Ihr Bildungsprozess ist unabschließbar. Statt zur richtigen Gesinnung zu überreden, sollen die Autoren daher zeigen und zu denken geben. Die dabei verwendeten Denkmittel müssen ihre Nützlichkeit stets aufs neue beweisen. Die Mitte haltend zwischen dauerndem Werk und vergänglicher Presse, praktiziert die Zeitschrift notwendig ein Prinzip Abstand, das befähigen soll, in den Widersprüchen der Gegenwart handlungsfähig zu werden.


PJ

Zur Weiterentwicklung der Arbeitsstruktur siehe Redaktion.

Dem Argument und der Zeit ins Stammbuch geschrieben

Ursula Apitzsch, Giorgio Baratta, Frank Benseler, Norman Birnbaum, Paul Bové, Michael Brie, Robert Cohen, Frank Deppe, Rose Baaba Folson, Detlev Hensche, C. H. Hermansson, Boris Kagarlitzki, Emilio Lledó, Carola Möller, Isabel Monal, Leo Panitch, Corrado Pardini, Christian Sigrist, Marcel van der Linden, Loïc Wacquant, Victor Wallis und viele andere (PDF) (2009)

Später eingetroffen:

Wolf-Dieter Narr

...ein halbes Jahrhundert lang...

Thesseis (Athen)

Das Argument is the live example that Theory and Praxis can coexist, if they are subjected to sensible conditions: theory depends in the last instance on the criterion of practice, which, however, is not a simple accessory of day-to-day policy needs, and thus abstains itself from a compulsory oversimplification that transforms theoretical exercise into a cheap propaganda mechanism.

Volltext

Espaces Marx (Paris)

Wir ermessen welche Energie in einem so lange währenden Projekt steckt, welche Leistung individuell und kollektiv es erfordert, eine Zeitschrift zu gestalten, die zählt, die wirkt, die gleichzeitig die Analysen, die Erneuerung der Theorie, die notwendigen intellektuellen Auseinandersetzungen befördert, und das über tiefe gesellschaftliche Veränderungen hinweg, die ständig neue Herausforderungen mit sich bringen.

Inez Hedges (Boston)

Noam Chomsky said in a speech, "If educators have any function it's to resist historical amnesia." Since I have been privileged to work on Das Argument and with the HKWM group, I feel that I am part of a great project, not only of remembering, but bringing that memory forward into the future.  All my projects now share some of that ambition and concern.  By your example you have both shown that  one can have serious intellectual and political commitment while also living a life that is filled with beauty and fun!  Thank you for leading with your example.

New Left Review (London)

From the rubble of history, the valiant intellectual labours of Das Argument and the Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus are constructing a veritable Library of Alexandria, for the Left to come.

Susan Watkins

Thomas Metscher

In Gedanken bin ich bei Euch - erinnernd, daß ich Zeuge war und Zeugnis geben kann: der Zeiten, als das Argument ausgeheckt, geboren und getauft wurde, getauft mit den unheiligen Wassern einer kritisch-dialektischen Vernunft. Ich war auch oft danach dabei, auch die Jahre, als ich auf Conollys Grüner Insel weilte, schreibend und bei den Besuchen in Berlin. Die Tage der Trennung, die dann kamen, hätten bei rechtem Gebrauch unserer Verstandesvermögen vermieden werden können; denn das uns Trennende ist immer weit geringer als das uns Einende gewesen. Es hätte produktiv gewendet werden können. Dass es im Gegenteil zum Riss führte, erscheint mir heut als Werk gemeinsamer Unvernunft. Wir haben genau das getan, was unsere Gegner gerne sehen. Sie sitzen sicherer, wenn wir uns streiten. Für solche Blödheit nehme ich gern einen guten Teil auf meine Kappe. Lernen wir daraus, das Trennende zukünftig produktiv zu wenden, dann hat die traurige Geschichte wenigstens eine gute Lehre gehabt.