»Abstinenzhaltung zum Leninismus« = »Intellektuelles Lumpenproletariat« (Steigerwald 1984) [1]

»Das Geschimpfe verhüllt in der Politik
die völlige Prinzipienlosigkeit, die Hilflosigkeit,
die Ohnmacht, die wütende Ohnmacht
der Schimpfenden. Weiter nichts.«
Lenin, Über die politische Bedeutung des Geschimpfes (Zur Frage der Einheit), LW 20, 382

 

Auf dem Philosophiekongress der DDR von 1984 hat Robert Steigerwald diese Zeitschrift zusammen mit der Düsseldorfer Debatte laut Kongressprotokoll [2] folgendermaßen beschimpft: »Diese Art 'intellektuelles Lumpenproletariat' erweist sich mit seinen Vorbehalten gegenüber dem Sozialismus und seiner Abstinenzhaltung zum Leninismus als 'schlimmer' als das Lumpenproletariat.« (285)

Das war etwa gleichzeitig mit der Herausgabe des Bandes »Krise des Marxismus oder Krise des Argument?«, [3] in dessen Vorwort die Herausgeber, zu denen Steigerwald gehört, versichern: »Wir vergessen keinen Augenblick die Gemeinsamkeiten mit Herausgebern und Mitarbeitern des 'Arguments' in der bundesdeutschen Linken ...« (6)

Es ist, als hätte Steigerwald die Formulierung beim Buchstaben genommen, indem er das, was er in der bundesdeutschen Linken keinen Augenblick vergisst, in der deutschdemokratischen Öffentlichkeit und im Beisein der Vertreter der mit der DDR verbündeten Länder rasch vergessen hat. Angesprochen auf diese anscheinende Doppelzüngigkeit — korrekte Formen nach außen [4], »stalinistische« intern —, erklärte Steigerwald: »Ich habe die Formulierung vom 'intellektuellen Lumpenproletariat' gebraucht, und das war ein Fehler. Ich wiederhole: das war ein Fehler!«

Was ihn dazu bewegt hat? Dem Argument hält er vor, eine Stellungnahme von J. Schleifstein [5] erst ein halbes Jahr nach Eingang [6] und einen Brief von L. Peter nicht nicht veröffentlicht zu haben. Ferner nennt er zwei Artikel aus der Debatte und einen mit dem Namen Flametti gezeichneten Artikel aus den Modernen Zeiten (MOZ), von dem er geglaubt habe, einer der drei Herausgeber von Argument-Sonderband 100 (»Aktualisierung Marx'« [7]) stecke dahinter. Alles Flametti...

Wir dokumentieren einen Auszug aus dem Steigerwald-Referat (wo Feminismus, Wissenschaft und marxistische Erneuerungsversuche, wie das Argument sie zu verbinden sucht, ein denkwürdiges Echo erhalten) und einen Brief von Thomas Neumann, dem Mitherausgeber der Düsseldorfer Debatte, zum Beitrag von J. Schleifstein in Argument 154. Schleifstein war gefragt, ob er auf Neumann antworten wolle, lehnte aber ab.       W.F.H.

 

Robert Steigerwald: Intellektuelles Lumpenproletariat  (Protokollauszug)

»Schließlich ging Steigerwald auf die Tatsache ein, dass im Alltagsbewusstsein der Menschen die Erscheinungen, die Einzelheiten, die persönlichen Erlebnisse, die individuellen Erfahrungen, die Resultate von Erziehung und Bildung, die Emotionen ein »Weltbild« formen, das oftmals keinen wissenschaftlichen Charakter habe. Natürlich entstehe dann in solchen grundsätzlichen Fragen wie der der Systemauseinandersetzung eine Anschauung, die weder das Wesen des Imperialismus noch das des Sozialismus erfasst, aber die Urteilsbildung bestimmt. Folglich werde die »Ost-West«-Auseinandersetzung in einer Weise reflektiert, als handele es sich um Kontrahenten gleicher sozialökonomischer Qualität. Eine derart unwissenschaftliche Denkweise werde in Publikationsorganen der BRD, wie zum Beispiel `Argument' oder 'Düsseldorfer Debatte', noch kultiviert, indem sie mit einem 'linken' Mäntelchen umhangen und mit Szientismus, Feminismus, 'authentischem Marxismus' und anderen Begriffen attraktiv gemacht wird. Diese Art 'intellektuelles Lumpenproletariat' erweist sich mit seinen Vorbehalten gegenüber dem Sozialismus und seiner Abstinenzhaltung zum Leninismus als 'schlimmer' als das Lumpenproletariat.«

 

Thomas Neumann: Brief an J. Schleifstein

Im Argument 154 findet sich in dem von Dir verfassten Aufsatz, Antwort an W.F. Haug auf Seite 863 ein Absatz über die Düsseldorfer Debatte. Ich weiß und gehe davon aus, dass es nicht zu den Angewohnheiten des Parteivorstandes der DKP gehört, öffentlich getane Aussagen gegebenenfalls auch öffentlich zu korrigieren. Nur der guten Ordnung halber, wie man so sagt, schreibe ich ein paar Bemerkungen dazu. Da können wir also lesen, die Gründer der Debatte seien aus der Partei ausgeschieden und dadurch sei Euch, besonders durch das »Ausscheiden des sehr begabten Lyrikers Peter Maiwald, ein echter Verlust« widerfahren. Was soll man denn nun dazu sagen?

Beginnen wir damit, dass Peter Maiwald nicht ausschied, sondern, wie Dir selbstverständlich bekannt ist, aus der Partei mit der Begründung ausgeschlossen wurde, er habe als Initiator oder Mitinitiator der Düsseldorfer Debatte sich an der Etablierung einer »parteifeindlichen Plattform« beteiligt. Natürlich verstehe ich, dass im Kontext Deiner Antwort an Haug, in der es schließlich um den Nachweis geht, die DKP sei diskussionsbereit und kritikempfänglich, die Wahrheit Deine Argumentation etwas schal gemacht hätte. Aber wir wollen doch beide nicht übersehen, dass die DKP just zu der Zeit, in der Dein Argument-Aufsatz erschien, sich schon wieder den Verlust eines Lyrikers zufügte.

Roman Ritter wurde soeben mit der Begründung aus der DKP entfernt, als »Mitautor der Zeitschrift Düsseldorfer Debatte« aufgetreten zu sein, »obwohl die Partei unter anderem in einem Artikel in der UZ vom 29.9.84 die Unvereinbarkeit einer Mitarbeit an dieser Zeitschrift mit der Mitgliedschaft in der DKP festgestellt hat«. Das stimmt nun zwar wiederum in der Sache nicht, einen solchen Beschluss gibt es nicht, für die Entfernung Roman Ritters aber hält es her. Nehmen wir an, dass Dir diese Neuigkeit noch nicht vertraut war, es geschah immerhin im fernen München. Vertraut ist Dir aber mit Sicherheit die aus der nahen DDR kommende Botschaft von Robert Steigerwald, der schon 1984 auf dem VI Philosophiekongress vorgetragen hatte, die Autoren der Debatte, und in einem Aufwaschen wurde auch gleich das Argument demselben Vorwurf ausgesetzt, seien »geistiges Lumpenproletariat«; und das reichte ihm noch nicht, er fügte noch hinzu, diese Bagage beider Zeitschriften sei »schlimmer als das Lumpenproletariat« (S.284f). (...) Das Protokoll vermerkt außerdem, dieser Beitrag sei der »abschließende Höhepunkt der Vormittagssitzung« des Arbeitskreises 10 mit dem Titel »Humanismus und Antihumanismus« gewesen.

Als Mitglied der Geschichtskommission der DKP oder gar mehr, ich weiß es nicht, wirst Du sicher noch Gelegenheit zur Vereinheitlichung der Sprachregelung für diesen Fall bekommen. Wenn es soweit ist, wird es uns ebenfalls interessieren zu erfahren, worauf Ihr Euch bei der Verurteilung der Debatte insgesamt einigen werdet. Denn wir haben ja schon andere als die von Dir im Argument vorgetragenen Anschuldigungen gehört. Du schreibst, wir hätten gegen den Willen der DKP ein »Privatunternehmen« gegründet. Die UZ schrieb gelegentlich, die Debatte sei ein Organ des Dritten Wegs. Damals gab es die Zeitschrift noch nicht, wie immer, war die UZ ihrer Zeit ein wenig voraus. Später dann schrieb sie, die Initiatoren der Zeitschrift hätten schon vor ihrer Gründung »innerhalb der DKP eine Plattform gegen die Positionen der Partei zu entwickeln« versucht (2.1.85). Damals waren wir allesamt bei der inzwischen verschiedenen Deutschen Volkszeitung frei bzw. fest beschäftigt; die also muss sich nun auch postum dem Vorwurf der Fraktionierung aussetzen. Usw., usf.

Die Auswahl an Rubrizierungen, in die wir uns einreihen können, ist also groß — Lumpenproletariat oder echter Verlust, Fraktion oder Privatunternehmen, Dritter Weg oder Linkes Sektierertum u.v.m. Wie froh können wir sein, dass Du in unserem Fall noch nicht, wie im Fall des Arguments Dich genötigt siehst, an die »Nazizeit« zu denken (S. 859f der »Antwort an W.F. Haug«). Wir schicken der Redaktion dieser Zeitschrift dennoch eine Kopie dieses Briefes zur Information.

Viel Erfolg bei der weiteren Arbeit an der Geschichte.



[1] Aus: Das Argument 156, 28. Jg., 1986, 239-41.
[2] Sozialismus und Frieden. Humanismus in den Kämpfen unserer Zeit. VI. Philosophiekongress der DDR vom 17.-19.10.1984, Berlin (DDR) 1985.
[3] Holz, Hans Heinz, Thomas Metscher, Josef Schleifstein u. Robert Steigerwald (Hg.), Marxismus - Ideologie - Politik. Krise des Marxismus oder Krise des >Arguments<? Frankfurt/M 1984.
[4] In den letzten Monaten gab es eine ganze Reihe öffentlicher Streitgespräche zwischen Steigerwald und mir, die nicht unfair geführt wurden.
[5] J.Schleifstein, »Antwort auf W.F.Haug«, in: Das Argument 154, 27. Jg., 1985, 859-64
[6] Zu Protokoll gegeben: Auf meine damalige Bitte, auch in den Marxistischen Blättern antworten zu dürfen, wo Schleifsteins Text teils veröffentlicht, teils referiert worden war, erhielt ich nicht einmal mehr eine Absage. Öffentliches Erwiderungsrecht ist so nötig wie Atemluft.
[7] Herausgegeben von Detlev Albers, Elmar Altvater und W.F. Haug.