Gert Mattenklott
»Ich hätte mir
mehr Selbstbewusstsein gewünscht beim Theoretisieren«
Interview
(1988)[1]
In einem »Kursbuch«-Aufsatz
verwendeten sie kürzlich den Ausdruck »graumelierter Spontaneismus« und schrieben der Generation der 40-50jährigen das »Selbstbewusstsein
von Empörern« zu. Finden
Sie derlei Phänomene auch im »Argument« wieder?
Durchaus, und
zwar in einer Tendenz, die so alt ist wie »Das Argument« selbst, in der Neigung, um keinen Preis den Anschluss
verlieren zu wollen, der Avantgarde um einen halben Schritt voraus zu sein und
dabei mit zu wenig Selbstbewusstsein und Gelassenheit zu dem zu stehen, was man
aus der eigenen Tradition anzubieten hat.
Das gilt auch für die erste Zeit des »Argument«?
Ja. Die
Tendenz hat sich positiv gezeigt in besonderer Organisations-Energie, negativ
in einer gewissen Betriebsamkeit. Betriebsamkeit aber ist der Theorie besonders
abträglich, und sie hat ein Milieu um die Zeitschrift erzeugt, das für mich nie
besonders anziehend war. Die Art, in der ich Dinge bedenken möchte, braucht ein
etwas kontemplativeres Klima.
Das erstaunt mich, da ja der Vorwurf des »Seminarmarxismus« und der »akademischen Reserve« nicht selten ans »Argument« adressiert wurde!
Ich verstehe
schon, was damit gemeint ist. Das starke Übergewicht der theoretischen
Produktion als fester, wenig verrückter Baustein des »Argument«-Modells musste den politischen Akteuren immer ein Dorn
im Auge sein.
Was ich im
Blick hatte, war die Art damit umzugehen. Ich hätte es weniger nötig gefunden,
mit den verschiedenen politischen Bewegungen in Wettstreit zu treten. Theorie
ist sehr selten unmittelbar in irgendeine Praxis zu überführen. Ich hielte es
für richtiger, sich diesen Anspruch nicht aufschwatzen zu lassen, Theorie müsse
an der Spitze jeder neuen Bewegung stehen. Ich hätte mir mehr Selbstbewusstsein
und Ruhe gewünscht beim Theoretisieren; etwas weniger philosophische
Jugendbewegung mit der Arroganz von Klassenbesten an der Spitze, die alles
immer besser wissen wollen.
Wir haben bislang eher pauschal, d.h. ohne zeitliche
Differenzierungen über »Das Argument« gesprochen.
Seit wann kennen Sie die Zeitschrift?
Ich bin Leser
und auch heftiger Sympathisant bereits in den frühesten Zeiten gewesen. Seitdem
habe ich die Zeitschrift regelmäßig mit starkem Interesse verfolgt, aber auch
mit einer gewissen Reserve. Ich hätte niemals sagen können, dass »Das Argument« »meine Sache« sei.
Politische Orientierung war es also weniger für Sie. Sie
verblieben stets in einer Art Äquidistanz?
Ja, ich habe
es immer als Teil meiner Informationen aufgenommen. Es hat mich nie über eine
längere Zeit bestimmt. Ich habe auch, anders als Freunde und Studenten von mir,
nie an den »Kapital«-Kursen im Umkreis des »Argument« teilgenommen.
Gibt es dennoch Phasen, in denen die Distanz wächst bzw.
wieder abnimmt?
Ehe ich die
Distanz vergrößere, muss ich sagen, was mich auch in politischer Hinsicht als
Sympathisant bis auf den heutigen Tag in der Nähe des »Argument« gehalten hat. »Das Argumen« war trotz allen Avantgarde-Gehabes immer ein verlässlicher
und loyaler Partner aller denkbaren Emanzipationsbewegungen. Das habe ich
geschätzt, nicht nur als Angebot für die verschiedenen Bewegungen, sondern in
den letzten Jahren auch als Schutzdach für Autoren, die anderenorts immer
schwerer publizieren können. Es erschiene mir schnöde, nur von Distanz zu
reden, zumal Distanz nur zu etwas herstellbar ist, was für sich ein eigenes
klar umgrenztes Profil hat.
Gewachsen ist
allerdings eine solche Distanz durch die Vertiefung des Umgangs mit meinen
Gegenständen. Je selbstsicherer ich als Literatur- und
Kunstwissenschaftler geworden bin, desto
größer ist auch die Distanz zu einer Form von Theorie geworden, die ich im
Bezug auf meinen Gegenstand als Partialtheorie ansehen muss. In politischer
Hinsicht trägt dazu die Beobachtung bei, dass die wesentlichen literarischen
Traditionen dem Anarchismus näher gestanden haben als dem Sozialismus. Diese
Distanz ist insofern auch historisch immer artikuliert gewesen.
Der
wissenschaftliche Sozialismus ist nicht die Decke, nach der die
Literaturgeschichte sich streckt. Als Methode vorkritisch angewendet, reduziert
er die wesentlichen Gehalte der ästhetischen Tradition, erfahrungsgemäß auch
deren Werkbestand auf einen dürftigen Rest parteilicher Aussagen.
Gleichwohl sind Sie und andere 1981 mit der Reihe »Literatur
im historischen Prozess« (LHP) vom Scriptor-Verlag zum »Argument« gegangen.
Es gab
durchaus andere Möglichkeiten, auch in bürgerlichen Verlagen. Wir haben nach
internen Diskussionen dann den Weg zum »Argument« gewählt, weil es uns auch eine politische Logik zu
besitzen schien – gerade in Zeiten, in denen die Linke erhebliche, auch
publizistische Probleme hatte –, enger zusammenzurücken und keinen Zweifel
darüber zu lassen, wo man im Ernstfall dazugehören möchte.
Ich persönlich
wollte auch gewährleisten, dass Autoren, denen ich wünschte, dass sie hörbar
blieben, diese Möglichkeit weiterhin hatten. Insofern war es, was mich
betrifft, in erster Linie eine Entscheidung gegen den publizistischen Ausschluss
traditionell links gebundener Autoren und eine Option für den »Argument«-Verlag, weil dieser sich auch hier wieder einmal loyal
verhielt. Bei einem anderen Verlag hätte ich nicht garantieren können, dass
sich nicht Ähnliches wie bei Scriptor wiederholt
hätte: politischer Opportunismus.
Wie groß ist denn die Autonomie der LHP-Herausgeber
im Rahmen des »Argument«-Verbundes?
Die relative
Autonomie, die LHP behalten konnte, ist eine der angenehmen Seiten der
Zusammenarbeit im »Argument«. Es sind
immer unsere Entscheidungen geblieben. Dennoch gibt es Veränderungen im Profil
der Reihe, die ja zuerst ausgesprochen kämpferisch antrat. Diese Emphase ist
mit den Jahren verschwunden und einer Nüchternheit gewichen, mit der wir heute
eine Farbe im politisch-publizistischen Spektrum sichern wollen, die sonst
nirgendwo namhaft artikuliert wird.
Es gibt eine
thematische Kontinuität in der Reihe: Das ist die literarische Kultur der
Aufklärung im weitesten Sinn, ergänzt um die emanzipatorischen »Subkulturen«. Diese beiden Dinge, die demokratisch-sozialistische
Tradition der Literaturgeschichte und die Förderung emanzipatorischer
Bewegungen, unter denen innerhalb unserer Reihe die feministische besonders
stark vertreten ist, haben bis heute das Profil bestimmt.
Gibt es theoretische Beeinflussungen durch die
Zeitschrift?
Das lässt sich
aus der Perspektive der LHP-Herausgeber und der
wichtigsten Autoren gut beleuchten. Keiner von ihnen publiziert nur im »Argument«. Bei mir ist der Pendelausschlag zwischen den
unterschiedlichen Neigungen sogar extrem groß. Ich publiziere auch ganz
woanders, gegensteuernd geradezu.
Und man sieht
von daher, dass die Verbindung zur »Argument«-Kultur locker
ist, dass allenfalls ab und zu Anregungen hin- und hergehen. Ich sehe darin
einen Vorteil, der auch die Farbigkeit dieser Kultur fördert. Dem überwiegenden
Teil der Herausgeber und Autoren – das zeigen ihre Publikationen außerhalb des
»Argument«-Zusammenhangs – dürfte der dort propagierte
Kulturbegriff zu eng sein.
Konkreter gefragt: Waren nicht die Arbeiten des »Projekt
Ideologietheorie« auch für
einen Literaturwissenschaftler anregend?
Ich habe das
Projekt mit gewissem Interesse verfolgt. Es war sicher ein wichtiger Impuls,
und ich hätte ihm auch mehr Resonanz gewünscht. Dass ich selbst nicht damit
gearbeitet habe, ist zuallererst in einer Verschiebung in meiner
literaturwissenschaftlichen Arbeit begründet gewesen, die vielleicht nicht
unsymptomatisch ist, nämlich von der theoretischen Methodenreflexion zur
Durcharbeitung historischer Materialien.
Die Zeit, in
der »Das Argument« mit methodischen Anstößen
gewirkt hat, liegt für mich in der ersten Hälfte der 70er Jahre. Danach zeigte
sich die Schwäche der marxistisch angeleiteten Literaturwissenschaft in der
verengten Wahrnehmung der Materialien. Für mich ist diese Verschiebung ein
Zwischenspiel, das bis heute nicht beendet ist.
Diese materialen Streifzüge sind ja nicht theorielos. Im übrigen hat es auch
beim »Argument« eine
Hinwendung zu stärker material orientierten Analysen gegeben. Kündigen sich
darin nicht Konvergenzen an?
Das scheint
so. »Das Argument« ist ja immer deutlicher an
einer Theorie der Moderne, der eigenen Gegenwart interessiert. Ich wünsche mir
aber eine größere Aufgeschlossenheit gegenüber nicht-marxistischen
Diskussionen. Dann gäbe es stärkere Verschränkungen.
Wo sehen Sie denn Rezeptionsbarrieren beim »Argument«?
Ich sehe keine
grundsätzlichen; vielleicht eine zu starke Voreingenommenheit gegenüber
nichtmarxistischer Philosophie. Weniger defizitär finde ich das Verhalten
gegenüber neuerer französischer Theorie. Man muss ja nicht jeder Mode
hinterherlaufen. Entscheidender ist für mich aber die Wahrnehmung der
gegenständlichen Welt dieser Theorien. Man müsste mehr phänomenologische
Bestandsaufnahmen machen: Was wird heute in den großen Metropolen wahrgenommen,
empfunden und gedacht? Warum fasziniert die Museums- und Ausstellungskultur?
Warum tritt das Inszenieren an die Stelle des Argumentierens? Wie lebt das neue
arbeitsarme, freizeitreiche Kulturvolk? Warum kann die Rechte mit Stadtpolitik
Wahlen gewinnen? Das alles wäre erst einmal sorgfältig zu beschreiben, nicht
sogleich ideologiekritisch abzufertigen.
Bedeutet das auch, »Das Argument« ist Ihnen zu trocken, zu wenig experimentierfreudig,
auch zu unliterarisch?
Ich sehe
gegenwärtig kein ernsthaftes Theoretisieren, das sich nicht in diesem Sinne
selbst befragt: Wie souverän ist die Theorie über die Gegenstände, über die sie
handelt? Es gibt ja z.Zt. eine breite Strömung der
Ästhetisierung des Theoretischen, die davon ausgeht, dass in den Gegenständen
ein Überschuss steckt, dem die Theorie Rechnung zu tragen hat. Sie muss dem
Schein ein gewisses Recht konzedieren, auch in ihrer Darstellungsform. Das ist
mehr als nur eine belletristische Erweichung des Theoretisierens, es zeigt eine
Tendenz zur Selbstverhaltung des Gedankens.
Würden Sie sich vom »Argument« mehr Versuche in diese Richtung wünschen?
In
ästhetisierender Hinsicht eher weniger. In der Zeitschriftenszene muss nicht
alles mit allem vermischt werden. »Das Argument« würde vielleicht nicht einmal viel gewinnen, wenn es
dieser Neigung, die so gar keine Neigung der Herausgeber ist, nachgäbe.
Was ich mir
wünsche, ist eine Offenheit und Konzilianz, die Dinge
neugierig zur Kenntnis zu nehmen und sich nicht von vornherein theoretisch
dagegen zu verschließen. »Das Argument« hat ein
starkfarbiges Profil, und ich fände es nicht schlecht, wenn diese Farbe auch
fernerhin gezeigt würde. Es gibt sonst keinen anderen Ort. Ich empfände es als
ein opportunistisches Nachgeben, wenn »Das Argument« etwa dem »Merkur« nacheiferte.
Auch theoretisch ist ein Patchwork nötig, bei dem
aber nur ein Grau in Grau herauskäme, wenn alle Elemente nach dem gleichen
Prinzip gearbeitet wären. Die »Argument«-Kultur hat
besondere Wahrnehmungs- und Theorieformen, und die wünsche ich mir dort auch
kultiviert.
Die
publizistische Form ist wahrhaftig ziemlich uncharmant, und die steife
Besserwisserei ohne alle Fragezeichen muss immer erst mit viel Heiterkeit auf
den Boden der Tatsachen gebracht werden. Andererseits: Wo sonst wird derzeit
ein polit-ökonomisches Grundwissen mit vergleichsweise so geringen
sektiererischen Beschränkungen vermittelt und argumentativ erprobt?