II.
Günter Mayers
letztes großes, nach vorn gewandtes Engagement war seine tragende Mitarbeit am Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus, dessen Wissenschaftlichem Beirat er seit 1995 angehörte, nachdem er ein
Jahr zuvor einen ersten wegweisenden Artikel im Argument veröffentlicht hatte.[1] Zum HKWM steuerte er
grundlegende Artikel bei: >Ästhetik<,
>Basis-Ästhetik<, >Formalismus< und >Formalismus-Kampagnen<;
>Kasernenkommunismus< und >Kitsch< als Mitautor. In ihnen wie in
weiteren Argument-Beiträgen[2] manifestiert sich
exemplarisch die theoretisch-politische Unruhe, die mit der >Wende< nicht
aufhörte, ihn umzutreiben. Seine Mitwirkung
beschränkte sich nicht aufs Beraten und Schreiben, sondern er wirkte in der Wörterbuch-Werkstatt als Votant
zahlreicher Entwürfe mit.
Überhaupt fand er
im selbstorganisierten und weitgehend ohne
öffentliche Gelder betriebenen Institut für kritische Theorie einen neuen Rahmen
für seine Aktivitäten, nachdem der Kahlschlag an der Humboldt-Universität -
alle Wissenschaft in der DDR war als DDR-Wissenschaft unter Staatsverdacht
geraten - ihm den institutionellen Unterbau für seine Studien entzogen hatte.
Als Diskutant und Moderator wirkte er bei den internationalen Tagungen des InkriT
mit, für die er zudem die abendlichen Kulturprogramme organisierte und selber
sang und spielte. Für die Zeitschrift Das Argument
organisierte er das große Fest zum 50-jährigen Bestehen, auch wenn er dann
nicht selbst dabei sein konnte. Fürs InkriT hielt er
den Kontakt zur um die Zeitschrift Al’ternativy
gruppierten Schule eines kritischen Marxismus in Russland. Auch übernahm er
schließlich als Zweiter Vorsitzender des InkriT
Verantwortung fürs Ganze und trat auch dem Kuratorium der Stiftung für
kritische Theorie bei. Bei der InkriT-Tagung vom Juni
2010 wollte er seinen Artikel >Medien< fürs HKWM vorstellen. Die
Krankheit erlaubte es nicht mehr.
An alledem ist zu
ermessen, welchen Verlust die Zuspitzung seiner Erkrankung und zuletzt sein Tod
fürs InkriT und dessen Wörterbuch bedeuten, für das er u.a. auch die
Bearbeitung des Stichworts >Musikalische Ästhetik< übernommen hatte. Mit
Günter Mayer, der kurz als Guemay zeichnete, hat uns
ein weiterer der in den Kämpfen, Fehlern und Niederlagen des Staatssozialismus im 20. Jahrhundert gereiften und fürs HKWM
substanziellen kritischen
Intellektuellen verlassen.
Der
InkriT-Vorstand
[1] >Visionen für das 21. Jahrhundert?< (Arg. 207/1994).
[2] Vgl. >Über das ^Rauschen^^ des Irrealen. Zur Kritik des radikalen Konstruktivismus im Bereich der Ästhetik und Musikästhetik< (220/1997); >Wirklichkeit-Wahrnehmung-ästhetisch? Zur Differenzierung der Theorie ästhetischer Praxis< (237/2000); und die Rezensionen zu Adornos Elements of a Radio Theory und zu Adornos und Eislers Komposition für den Film (272/2007).- Zuletzt engagierte er sich noch in einer Projektredaktion zu >Massenkultur<.