In memoriam Günter Mayer (1930 – 2010)

 

I.

Am 2. September ist Günter Mayer gestorben. Fast bis zuletzt arbeitete er, um der Krankheit moralisch-intellektuell Paroli zu bieten. Nicht nur seine letzten Texte - >Reflexionen zur Methodologie der Musikgeschichtsschreibung<[1], >Leben ohne Angst zu haben<[2] und schließlich ein umfassendes Votum zu den in Vorbereitung befindlichen Kultur-Artikeln im Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus[3] - bilden ein Vermächtnis, an dem die nach ihm Kommenden sich abzuarbeiten haben.

Sein Tod veranlasst zum Nachdenken.

Über den Menschen und Musiker Günter Mayer, dem ich bereits als Studienanfänger begegnete und mit dem ich 1960 den Tenorpart des Oratoriums >Israel in Ägypten< einstudierte; mit dem ich mich traf, als er, in den sechziger Jahren, sich nicht nur für politischen, sondern künstlerischen Fortschritt einsetzte; mit dem ich seit den siebziger Jahren im Kulturbund der DDR zusammenarbeitete, und den ich vor vier Jahren in Esslingen - zum 70. Geburtstag von Wolfgang Fritz Haug - am Klavier begleitete, als er Lieder von Hanns Eisler sang. Ja, Günter Mayer sang glockenrein und vor allem: Er begriff, was er sang.

Über den Musikwissenschaftler, genauer: Musik-Philosophen, der immer wieder darauf drang, Musikwissenschaft müsse philosophisch begründet sein. Über den Marxisten, der wusste, worauf er sich einließ, der wie nur wenige die theoretischen Arbeiten von Marx und Engels kannte und sich mit beflissenen Lehrbüchern >des< Marxismus - erst recht >des< Marxismus-Leninismus - nicht abfand und deshalb auf das brechtsche Wort >Murxismus< zurückgriff, um die Pseudomarxismen namentlich in den musikpolitischen Bekundungen der 1950er und 60er Jahre zu brandmarken, und dies nicht erst seit der Wende.

Über den politisch Denkenden, der zur DDR im Wissen um gravierende Defizite sich bekannte, weil er ahnte, dass der Kapitalismus keine Alternative bietet: Viele Reisen durch die halbe Welt bestätigten dies; freilich forderte er unablässig, sich vorurteilslos mit den kulturellen und künstlerischen Strömungen in Europa und Amerika zu befassen. Deshalb zog er gegen jeglichen Provinzialismus zu Felde.

Über seine Herkunft, denn gerade in Zeiten, da lautstark verkündet wird, Intelligenz werde vererbt, sind Günter Mayers proletarische Ursprünge nachdrücklich festzuhalten - auch seine Arbeit als Eisenbahner gleich nach dem Krieg und unter schwerster physischer Anstrengung. Erst seit Mitte der fünfziger Jahren konnte er studieren, zunächst Philosophie, später Musikwissenschaft. An der Humboldt-Universität Berlin begegneten ihm bedeutende Wissenschaftler: Georg Klaus, Antifaschist und Protagonist des Zusammenwirkens von Philosophie und Naturwissenschaften; Wolfgang Heise, Philosophiehistoriker mit feinem Gespür für die Künste; Georg Knepler, Musikwissenschaftler, über Jahrzehnte befasst mit Grundfragen der Geschichtsschreibung, zudem einer, der von anfänglichen Stalinismen sich konsequent losgesagt hatte; Harry Goldschmidt, der sich zu Hermann Scherchen bekannte. Zu solchen Begegnungen gesellten sich die mit etlichen Mitstudenten, die alsbald von sich reden machten: Dietrich Mühlberg, Karin Hirdina, Rudolf Bahro - und, seit den sechziger Jahren, der unbeugsam-unbequeme Komponist Paul Dessau.

Daraus ergaben sich wirkliche Debatten, resultierte die Lust an Zuspitzung der Widersprüche und präziser Formulierung, gepaart mit der Einsicht, dass marxistisches Denken nur im Streit sich herausbildet, nicht in Vitrinen gestellt als Unveränderbares überdauert. Ferner die Fähigkeit, Drehpunkte auch komplizierter Prozesse schnell zu erkennen, namhaft zu machen in Wort und Schrift und so im theoretischen und praktischen Disput nachhaltig zu wirken.

Die Vielfalt der Themenfelder, auf denen Günter Mayer seit den sechziger Jahren als Lehrender, seit 1980 als Professor an der HU Berlin wirkte, tut ihrem Zusammenhang keinen Abbruch.[4] Den Beginn machte die Auseinandersetzung mit Konzepten Adornos. Von hier aus wurde über die Dialektik in den Künsten, vor allem die Dialektik ihres Materials nachgedacht. Ein Vortrag darüber, gehalten während eines internationalen Seminars marxistischer Musikwissenschaft, erregte Aufsehen, weil er aller bisherigen Abgrenzung harsch in die Parade fuhr: Es gäbe gegenüber der materialen Entwicklung in Westeuropa >Nachholbedarf<. Günter Mayer beschränkte sein Tätigsein nicht aufs Terrain so genannter >ernster Musik<: Dass er seit den frühen siebziger Jahren sich mit der Popmusik, namentlich mit den Avantgarden der Rockmusik und denen des Politischen Liedes beschäftigte, lag in der Konsequenz seiner Erkundungen. Dieser Konsequenz gehorchte denn auch die Besichtigung der Medien, vor allem die Frage nach ihren bislang kaum ausgeloteten Potenzialen für demokratische Kunst-Verhältnisse; fürs Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus hat er einen Teil des Artikels >Internet< geschrieben. Nicht länger seien Medien, so Mayer in Auseinandersetzung mit Brecht und Benjamin, Instrumente nur für die Verteilung künstlerischer Produkte, sondern Instrumente auch, ja gerade der Produktion: Georg Katzers >Aide memorial< war dafür der Beleg ebenso wie das >So und nicht Anders< der Rockmusik, diesseits und jenseits ihrer Avantgarden.

Das Schaffen Hanns Eislers stand im Zentrum seiner Interessen, weil in der Auseinandersetzung mit ihm fast alle übrigen Gegenstände des Nachdenkens sich bündelten. Sei es Eislers Teilhabe an den kompositorischen Innovationen der zweiten Wiener Schule, sein lebenslanges Nachdenken über das musikalische Material, gepaart mit den Versuchen, es gerade in jenen Gattungen fruchtbar zu machen, die nicht im Zentrum von Schönbergs Interesse standen - u.a. in der Filmmusik. Auf Eislers Äußerungen über Dialektik in der Musik, über moderne kompositorische Verfahren, ja, über die Zukunft der Musik[5] berief sich Mayer in einem Vortrag, den er Mitte der sechziger Jahre hielt[6]. Erst recht berief er sich darauf in seiner Dissertation, die Eislers Auffassungen über die Dialektik des Materials, spezifiziert nach den verschiedenen Stadien seiner praktischen Auseinandersetzung damit, systematisch behandelte[7]; sie gehört zum Besten in Sachen Eisler und darüber hinaus. - Seien es Eislers Wege zur >angewandten Musik<, damit zusammenhängend vielfältige Versuche, Errungenschaften des Jazz, des Chansons, des Schlagers mit denen der avancierten >Ernsten Musik< zusammenzubringen: Inwieweit erwuchs daraus der Impuls, sich der Pop- und Rockmusik, der Singebewegung, dem Liedertheater zuzuwenden - ein Impuls, der sein Wirken noch innerhalb internationaler Gremien bestimmte? - Seien es Eislers politische Entscheidungen vor und auf der Schwelle stalinscher Lesarten des Sozialismus und Kommunismus, in fortwährender Auseinandersetzung mit den so genannten bürgerlichen Kunst-Szenen: Eisler wusste, worauf er sich einließ - nicht anders Günter Mayer Jahrzehnte später, und man sage nicht, es wäre um bequeme Entscheidungen, bequeme Wege gegangen. In einem späten Text[8] hat Mayer Eislers >So und nicht Anders< mit den Komplikationen stalinscher Politik konfrontiert und gefragt, was Eisler davon wusste, wie er darauf reagierte, was die >Ernsten Gesänge< an beklemmenden Untertexten enthalten. - Sei es Eislers Nachdenken über die Medien als Produktions-Organe: Inwieweit sind Mayers medientheoretische Arbeiten davon geprägt? - Sei es Eislers Nachdenken über Dummheit in der Musik, gepaart mit der Einsicht, er sei von ihr besiegt worden: Liegt diese Einsicht so weit entfernt von Günter Mayers nüchterner Feststellung, all die Errungenschaften sozialistischer Musikkulturen hätten nur wenige Menschen erreicht - und von Mayers Postulat, marxistische Musikwissenschaft hätte ganz unterschiedliche Felder der Musikproduktion und -rezeption, des Musiklebens, mithin ganz unterschiedliche Subjekte und Institutionen ins Visier zu nehmen, wenn sie zu triftigen Urteilen kommen wolle? - Und schließlich: Inwieweit mochte Eislers gedoppelte Herkunft - der Vater ein namhafter Philosoph, die Mutter Arbeiterin - ihn an seine eigene Herkunft und Entwicklung erinnert haben?

Gerd Rienäcker

 



[1] Abgedruckt in: Musikwissenschaft und Kalter Krieg, hgg. v. Matthias Tischer, Weimar-Wien 2010, 21-68.

[2] Geschrieben 2009; erscheint voraussichtlich in Argument 290, Heft 1, 2011.

[3] Angesichts der vorliegenden Entwürfe hielt er es für >dringend erforderlich<, mit Redakteuren und Autoren >über einige methodologische Grundfragen einer geschichtsmaterialistischen Fassung des Kulturbegriffs nachzudenken<.

[4] Vgl. hierzu Günter Mayer, Zur Theorie des Ästhetischen. Musik - Medien - Kultur - Politik, Berlin 2006. Dieser Aufsatz-Band enthält Texte verschiedener Jahrzehnte und Gegenstände.

[5] Vgl. u.a. die Gespräche mit Hans Bunge.

[6] Günter Mayer, >Zur Dialektik des musikalischen Materials<, in: ders., Zur Theorie des Ästhetischen, 15-42.

[7] Günter Mayer, >Materialtheorie bei Eisler<, in: ders., Weltbild-Notenbild. Zur Dialektik des musikalischen Materials, Leipzig 1978, 93-348.

[8] Vgl. Anm. 2.